[Rezension] Der ehemalige Sohn – Sasha Filipenko

Inhalt:

Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint.

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Was wäre, wenn ein junger Mann in Belarus nach zehn Jahren im Koma wieder aufwacht? In der Familie und im privaten Umfeld des jungen Franzisk in Minsk hat sich alles verändert: Seine Freundin hat sich längst woanders umgeschaut, seine Mutter hat eine neue Familie, seine geliebte Großmutter, die sich als Einzige um ihn gekümmert hat, ist nicht mehr. Aber in seinem Land ist alles noch genau wie vorher: Ein autoritärer Präsident ist an der Macht, die jungen Leute verlassen in Scharen das Land, und jeder Protest wird sogleich erstickt. Wird Zisk in diesem erstarrten Land seinen Platz finden?

Ein gewitzter und bewegender Roman aus Belarus.

Rezension:

Bei schweren Büchern, also Bücher die mich beschäftigen, schlafe ich erst mal eine Nacht über das Buch bevor ich die Rezension schreibe, dann bin ich beim schreiben einfach frischer. Bei diesem Buch könnte ich, glaube ich, noch eine Woche schlafen und es würde mich noch immer aufwühlen.

Am Anfang ist Franzisk ja ein Schüler eines Lyzeums, in dem es viel um Musik geht. Seine Oma, die eine sehr wichtige Person für ihn ist, strietzt ihn immer wieder, aber Franzisk der von seinen Freunden Zisk genannt wird, ist eher ein Junge, der alles etwas lockerer sieht, der lieber locker lebt, als zur Schule zu gehen und zu lernen.

Er hat eine Freundin, um die ihn alle beneiden, denn es ist das schönste Mädchen der Schule. Wie jedes Jahr kommt ein Veteran des zweiten Weltkrieges in die Schule. Alle denken, es wird wie jedes Jahr, aber dieser berichtet von Tatsachen der Gegenwart, beschreibt was von dem Präsidenten und der Regierung vertuscht wird. Genau diese Wahrheit wollen die Kinder wissen. Es wird noch lange über diesen Veteranen gesprochen. Er holt sie ab. Es ist nicht das, was man immer hört. Nein, die Jugendlichen fühlen sich ernst genommen und fühlen die Wahrheit.

Zisk soll das Lyzeum verlassen. Er ist nicht gut genug, aber genau an dem Tag will er mit seiner Freundin auf ein Konzert gehen. Sie sind an einer U-Bahnstation verabredet und an diesem Tag passiert ein Unglück! Er wird in eine Station gedrückt und überlebt nur mit Müh und Not. Und genau in dieser Situation ist es das erste Mal, wo ich Schlucken musste. Sasha Filipenko beschreibt es so, dass man denkt: ich bin nun an diese Mauer gedrückt. Mir steckte kurz ein Stiletto in meinem Augapfel, was Zisk nicht passierte aber der Autor beschreibt es und genau das passierte mir in meiner Fantasie! Ich betätigte die Suchmaschine und stellte fest, dieses Unglück gab es wirklich und genau aus diesem Grund, den der Autor beschreibt, wegen eines Schauers mit Hagel. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dieses Buch wird mich fertig machen.

Sasha Filipenko beschreibt, wie Zisk im Krankenhaus liegt und eigentlich nur wegen seiner Oma noch behandelt wird, da sie nicht aufgibt. Alle anderen, auch sein neuer Stiefvater, sagen, den Jungen sollte man sterben lassen. Auch seine Mutter kommt nicht oder kaum noch vorbei und bekommt, wenn sie es macht, ärger mit seinem Stiefvater, der Chefarzt in der Klinik ist.

Seine Großmutter ist die Einzige, die ihn täglich besucht. Sie richtet sich auch schon in dem Zimmer ein. Sie beschreibt immer wieder was in dem Land eigentlich los ist, beschreibt den Tod eines Schriftstellers, der wichtig für die Opposition des Landes ist. Sie redet mit ihrem Enkel, schaut mit ihm fern oder hört Radio, besorgt ihm, in der Hoffnung, dass es was bewirkt, eine Prostituierte und stellt fest, dass es viel zu billig ist, wie sich die Mädchen verkaufen.

So geht es 10 Jahre lang und ein paar Tage nach dem Tod seiner Großmutter wacht er auf, als wäre es der Auslöser gewesen den er benötigte. Natürlich brüstet sich sein Stiefvater damit, dass er sich immer um seinen Stiefsohn gekümmert habe. Dieser kann es ja nicht widerlegen.

Er wacht auf und nach 10 Jahren ist noch immer derselbe Präsident am Ruder, wie vorher und er stellt fest, es hat sich in den 10 Jahren nicht viel verändert. Außer dass die Menschen noch weniger lachen, sie gebrochen erscheinen und man immer wieder im Fernseher das Loblied auf den Präsidenten hört und sieht.

Sasha Filipenko beschreibt den Alltag in Weißrussland aus der Sicht des 10 Jahre lang im Koma liegenden Zisk, der aufwacht. Er beschreibt den kurzen Aufstand auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk und die Angst, die man danach hatte. Er beschreibt die Armut der Bürger auch an Hand von Prostituierten, die sich an Ausländer heran machen. Es sei widerwärtig, wie die Frauen sich für ein bisschen Geld prostituieren, dass sie es nötig haben ist das, was es so schwierig für mich macht.

Es gibt Menschen in Deutschland, die behaupten, wir würden in einer Diktatur leben, aber wie Filipenko das Leben in Weißrussland beschreibt, mit all diesen Ängsten und Nöten und da ist noch nicht mal die Armut gemeint, sondern diese Angst, die Wahrheit zu sagen, das ist eine Diktatur. Da gibt es ein Spiel, das nennt sich Absurd und da darf man nur absurde Geschichten erzählen. Das eigentlich absurde daran ist, dass diese Geschichten nicht erlogen sein dürfen und die sich genau so zugetragen haben müssen. Daran muss ich hier denken. Es wird so vieles beschrieben, und man glaubt nicht, dass dies wahr ist, aber man kann wirklich die Suchmaschine betätigen und findet heraus, dass dies Tatsachen sind, selbst diese absurden Geschichten konnte ich zumindest zum Teil finden. Ich habe aber auch nicht alle gesucht.

Ich sage es immer wieder, lasst uns für unsere Demokratie kämpfen und auch wenn nicht alles perfekt ist. Fehler passieren, und es treibt sich leider auch mal ein korrupter Politiker dazwischen herum. Dennoch bin ich froh, dass ich hier lebe, ich meine Meinung sagen kann und nicht Angst haben muss nur, weil ich etwas gegen unsere Regierung sage ins Gefängnis muss.

Manchen Querdenkern, die sagen wir leben in einer Diktatur, würde ich mal ein Reiseziel vorschlagen. Wie wäre es, sich auf den Unabhängigkeitsplatz in Minsk zu stellen und zu rufen: „Aljaksandr Lukaschenka muss weg!“ Dies bitte eine halbe Stunde machen und vielleicht lernt dann der eine oder andere, wo der Unterschied ist zwischen einer Diktatur und der Demokratie, in der wir in Deutschland leben.

Ich wünsche diesem Buch so viele Leser, wie es nur eben geht! Für mich ist es eines der Bücher des Jahres. Ich finde die Übersetzung von Ruth Altenhofer gelungen, auch wenn ich das Original nicht lesen kann, aber ich kann sagen, dieses Buch holt einen ab und bewegte mich enorm. Bitte lest es und bildet euch eure eigene Meinung.

 Verlag: Diogenes Verlag

ISBN: 978-3-257-07156-6

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