London Rules

[Interview] mit Mick Herron über das Buch: London Rules

  1.  Welche sind die London Rules?

Mick Herron: Sie sind einfach formuliert. Die Moskauer Regel bedeutet: » Pass auf deinen Rücken auf.« Die London Rule Nr. 1 dagegen lautet: » Rette deinen Arsch.« Es geht darum, Fehler zu vertuschen und dafür zu sorgen, dass man nie für etwas verantwortlich gemacht wird, vor allem dann nicht, wenn man selbst schuld ist. Ich habe sie im Jahr 2016 erfunden. Aber im Jahr 2022 scheinen sie immer noch sehr aktuell zu sein.

2.  London Rules ist 2018 in Großbritannien erschienen, und Sie haben den Roman in einem früheren Interview als » Brexit-Roman« bezeichnet. Inwiefern?

Mick Herron: Er wurde nach dem Referendum geschrieben, als alle – » Brexiteers« und » Remainer« gleichermaßen – in einer Art Schockzustand waren. Das ist der Grund, warum dieser Roman, mehr als alle anderen, eine Farce in seinem Zentrum hat.

3. »Unwahrscheinlich ist das neue Normal«, heißt es an einer Stelle über Politik im Roman. Spielen Sie damit auch auf den Brexit an?

Mick Herron: Oh ja. Die Politik war in jenem Jahr besonders aufgewühlt, und seitdem ist nichts mehr so, wie es war. Der Brexit war eine schlechte Idee. Wir haben noch nicht alle erkannt, wie schlecht, aber viele kleine Unternehmen – und alle britischen Konsumenten – spüren den Schaden bereits.

4. Macht es Ihnen Spaß, sich immer wieder neue politische Intrigen auszudenken? Oder ist es inzwischen eher deprimierend, da Sie andauernd von der Realität eingeholt werden?

Mick Herron: Ich genieße diesen Aspekt des Schreibens, obwohl ich weniger politische Intrigen erfinden muss, sondern sie lediglich kommentiere. Dadurch bin ich oft zwiegespalten. Als Bürger bedaure ich den Schmutz, die Korruption und die Unehrlichkeit der gegenwärtigen britischen Regierung (die, während ich dies schreibe, am Zerfallen ist). Als Autor jedoch reibe ich mir die Hände und bin dankbar für das Material, das sie mir zur Verfügung stellt.

5. Gerade hat Boris Johnson seinen Rückzug angekündigt. Erhoffen Sie sich nun einen politischen Neuanfang für Großbritannien?

Mick Herron: Der längst überfällige Abgang von Boris Johnson kann nur gut sein. Seine Amtszeit als Premierminister war eine Beleidigung für jeden, der von unserer Politik Ehrlichkeit, Integrität, Transparenz oder Verantwortlichkeit erwartet. Abgesehen davon scheint niemand der möglichen Kandidatinnen und Kandidaten eine große Verbesserung zu sein. Ich hoffe auf einen Neubeginn, aber ich schätze, dass sich vorerst einfach nicht viel ändern wird.

6. Die Dialoge im Roman sind wieder einmal messerscharf. Woher nehmen Sie die Ideen dafür?

Mick Herron: London Rules war der fünfte Roman der Reihe, und als ich ihn schrieb, waren die verschiedenen Stimmen der Figuren in meinem Kopf schon ziemlich klar. Beim Schreiben der Dialoge ging und geht es vor allem darum, diesen Stimmen zu erlauben, sich so frei wie möglich auszudrücken. Ich versuche jeder Figur das gleiche Gewicht zu geben. Sie sind alle gleichermaßen wichtig für mich.

7. Im Roman sprengen Terroristen ein Pinguingehege in London in die Luft. Woher kommen Ihnen solche Einfälle?

Mick Herron: Ich wünschte, ich wüsste es! Ich bin ein großer Fan von Pinguinen und will ihnen wirklich nichts Böses. Aber manchmal erfordern Bücher grausame Geschehnisse … Die Grundidee war, zunächst den Eindruck zu erwecken, dass die Opfer des Bombenanschlags Menschen seien. Die Erkenntnis, dass dies nicht der Fall war, sollte eine Erleichterung sein. Aber natürlich bleibt es ein entsetzliches Ereignis.

8. Seit dem 1.4.2022 läuft die langerwartete Serie Slow Horses auf Apple TV. Waren Sie auch bei den Dreharbeiten anwesend?

Mick Herron: Ich habe den Drehort oft besucht, ja. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie mich und meine Partnerin Jo in Folge eins sehen, wie wir das chinesische Restaurant verlassen, als River es gerade betritt.

9. Haben Sie auch am Casting der Verfilmung mitgewirkt? Und wie fühlt es sich an, Ihre Figuren auf der Leinwand zu sehen?

Mick Herron: Ich war nicht am Casting beteiligt, aber ich bin mit der Besetzung sehr zufrieden. Wenn ich die Figuren auf der Leinwand sehe, erkenne ich jede einzelne von ihnen wieder.

10. War das Gebäude in der Aldersgate Street schon immer Ihre Vorlage für Slough House?

Mick Herron: Immer! Und ich freue mich, dass es tatsächlich für die Dreharbeiten verwendet werden konnte. An diesem Gebäude bin ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeigegangen und habe es mir für die Bücher »ausgeliehen«.

II. Beeinflusst die Verfilmung Ihre Herangehensweise an Ihre Figuren und die Handlung der nächsten fackson-Lamb-Romane?

Mick Herron: Das glaube ich nicht. Ich habe Bad Actors (Deutsche Übersetzung bei Diogenes in Vorbereitung) geschrieben, während der erste Roman verfilmt wurde, und ich habe die Darstellerinnen und Darsteller bei ihren Rollen als »Slow Horses« beobachtet, aber ich habe nicht bewusst an sie gedacht, als ich an dem Buch gearbeitet habe. Andererseits wäre es nicht schlecht, wenn das in Zukunft passieren würde. Die Figuren werden in der Serie so wunderbar verkörpert, dass es mir zweifellos eher helfen als schaden würde, wenn ich mit ihnen im Hinterkopf schreiben würde.

12. Der Titelsong der Serie, »Strange Game«, stammt von Mick jagger, der sich auch bereits als Fan der Verfilmung geoutet hat. Hat Sie das überrascht?

Mick Herron: Für mich war es eine Überraschung! Und natürlich ein Privileg. Ich höre Jaggers Musik schon mein ganzes Leben lang. Ihn über die »Slow Horses« singen zu hören, ist absolut eine Ehre.

13. London Rufes ist nach Slow Horses, Dead Lions, Real Tigers und Spooke Street der 5. Band rund um jackson Lamb und die Abservierten aus dem MI5. Auf wie viele dürfen wir uns noch freuen?

Mick Herron: So viele, wie ich schreiben kann. Im Moment arbeite ich an etwas ganz anderem, aber ich werde in Kürze nach Slough House zurückkehren. Genau wie meine Figuren bin ich mir nicht sicher, ob ich da jemals wieder rauskomme.

(c) Diogenes Verlag 2022 das Gespräch führte Stephanie Uhlig

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