Allein, alleiner, alleinerziehend – Christine Finke

Allein, alleiner, alleinerziehend – Christine Finke

5. Januar 2017 0 Von Markus

Allein, alleiner, alleinerziehend – Christine FinkeInhalt:

Wie die Gesell­schaft uns ver­rät und unse­re Kin­der im Stich lässt

Das Geld ist immer knapp, der All­tag hek­tisch und für die Kin­der bleibt wenig Zeit. Allein­er­zie­hen­de befin­den sich nicht nur am Ran­de der Belast­bar­keit, auch von Gesell­schaft und Poli­tik wer­den sie benach­tei­ligt: besteu­ert nahe­zu wie Sin­gles, auf dem Arbeits­markt dis­kri­mi­niert und von der Gesell­schaft miss­ach­tet – obwohl ihre Kin­der unse­re Zukunft sichern. Chris­ti­ne Fin­ke ist allein­er­zie­hen­de Mut­ter von drei Kin­dern und weiß genau, wovon sie spricht. Sie benennt Schwach­stel­len und Unge­rech­tig­kei­ten und sagt, was sich drin­gend ändern muss, damit die All­tags­hel­den unse­rer Gesell­schaft nicht län­ger allei­ne daste­hen.

Rezen­si­on:

Gut, ich bin ja nun alles ande­re als eine allein­er­zie­hen­de Mut­ter. Das fängt ja schon mal bei dem Geschlecht an und geht soweit, dass ich kei­ne eige­nen Kin­der habe. War­um mich die­ses Buch den­noch inter­es­siert hat, kann ich ganz ein­fach erklä­ren. Mei­ne Mut­ter hat sich 1975 oder war es 1976 schei­den las­sen. So genau kann ich dies nun nicht sagen, da ich da erst 3 oder 4 Jah­re alt war.  Somit war sie allein­er­zie­hend und ich habe die Sicht eines Kin­des auf die Situa­ti­on. Und ich könn­te so eini­ges zu die­sem Buch ergän­zen anhand mei­ner eige­nen Erfah­run­gen. Fünf Kilo­me­ter Ent­fer­nung kön­nen schon ver­hin­dern, auch nur ein Nach­mit­tag im Jahr mit dem Sohn zu ver­brin­gen. Aber das geht nun zu weit. Ich kann also so eini­ges aus Sicht des Kin­des beschrei­ben, und das ist nicht unbe­dingt sehr vor­teil­haft.

Kom­me ich also zum Buch. Ich habe mir mit dem Buch echt schwer getan, da es doch eini­ge Din­ge auf­ge­weckt hat, von denen ich dach­te, so nach 40 Jah­ren soll­ten sie über­wun­den sein.

Anspre­chend war die Unter­tei­lung der Kapi­tel wo unter­schied­li­che Aspek­te des Daseins als Allein­er­zie­hen­de ange­spro­chen wur­den. So zum Bei­spiel die ver­schie­de­nen Ver­hal­tens­wei­sen der Mut­ter, die man selbst als Kind immer wie­der mit­be­kommt, auch über Jah­re. Des­we­gen konn­te ich das gan­ze sehr gut nach­voll­zie­hen. Die Quer­schüs­se kom­men immer daher, wo man sie am wenigs­ten erwar­tet.

Sehr inter­es­sant war auch das Kapi­tel über die ver­schie­de­nen Arten, wie man sich die Erzie­hung des Kin­des auf­tei­len kann. Da waren eini­ge Din­ge dabei wo ich ein­fach nur mit dem Kopf geschüt­telt und gedacht habe „O Mann, wie kann man nur auf die Idee kom­men“. Aber es ist nicht schlecht dies ein­mal zu lesen.

Das mit dem Geld, vor allem am Ende des Monats, kennt man als Kind nun auch Mir fal­len da so ver­schie­de­ne Situa­tio­nen ein, wel­che dies ver­deut­li­chen.  Auch das mit der Ruf­be­reit­schaft kann ich unter­schrei­ben. Ich bin in mei­nem Kin­der­gar­ten der allei­ni­ge Rekord­hal­ter von vier Löchern im Kopf in nur zwei Wochen. Ich habe also mei­ne Mut­ter immer wie­der auf Trapp gehal­ten.

Ich will bei Papa woh­nen – auch so ein net­tes Kapi­tel, wel­ches bei uns auch ein paar Mal vor­ge­kom­men ist, aber dies dann doch eher des­we­gen um, wie es Frau Fin­ke beschreibt, mei­ne Mut­ter zu ver­let­zen. Dies war aber irgend­wie auch nie lan­ge ein The­ma, denn mein Papa kam dann doch noch in Gestalt des zwei­ten Man­nes mei­ner Mut­ter – und der ist noch immer Klas­se.

Rich­tig inter­es­sant wur­den dann die Kapi­tel wo es dar­um ging, dass ande­re unter der Woche allein­er­zie­hend sind. Es wer­den Ansät­ze gebracht, wie man dies eigent­lich ver­glei­chen kann. Die Autorin ver­sucht es trotz allem, auch wenn es teil­wei­se sehr weh tut, aber ich den­ke dies geht bei bei­den so.

Was mich am meis­ten geschockt hat­te, war das Kapi­tel wo sie beschreibt, wie das eigent­lich ist, wenn eine allein­er­zie­hen­de krank wird, also so rich­tig krank, nicht nur ein Schnup­fen, son­dern eine „klei­ne“ OP oder sons­ti­ge Schwie­rig­kei­ten mit der Gesund­heit. Es ist unvor­stell­bar, wie allei­ne man Müt­ter mit ihren Kin­dern lässt. Also mit allei­ne mei­ne ich, man hofft, das die Mut­ter einen Not­fall­plan hat. Ich kann eines dazu sagen: Es ist nicht so, dass jeder in einem Haus wohnt, wo der eine für den ande­ren ein­kauft oder einen mal fährt oder Kin­der­be­spa­ßung macht. Nicht jeder hat die Eltern gleich um die Ecke woh­nen, wie es die Autorin beschreibt.

Ich könn­te jetzt zu jedem ande­ren Kapi­tel des Buches etwas schrei­ben, aber las­se es doch. Irgend­wo in der Mit­te stand ich da und dach­te, wie krank ist die­ses Sys­tem. Und liebt sie über­haupt ihre drei Kin­der? Fal­sche Fra­gen eigent­lich. Wenn sie sie nicht lie­ben wür­de, wür­de sie sagen, da ist das Jugend­amt und los küm­mert euch drum. Und wie krank das Sys­tem hier in die­sem Land ist, dies brau­chen wir ja nicht mehr zu beant­wor­ten. Das ist schon ziem­lich krank und lässt einen teil­wei­se doch sehr im Regen ste­hen.

Aber dies liegt auch an uns. Wie vie­le Leu­te ken­nen wir denn, die auch mal so vor­bei­schau­en? Jemand mel­det sich nicht, also war­um soll­te ich die Per­son denn anru­fen oder ein­fach mal vor­bei­ge­hen? Wir dür­fen nicht alles immer wie­der auf den Staat schie­ben! Ich den­ke die­ses Buch soll­te zum einen in unse­rem Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um gele­sen wer­den, aber es soll­te uns auch ein wenig wach­rüt­teln für die Sor­gen und Nöte, die man in unse­rem Land als Allein­er­zie­hen­de so hat. Viel­leicht ist es ein­fach wich­tig, dass die­ses Buch so hart wie es mit allem ins Gericht geht auch so geschrie­ben ist, da sich ansons­ten nichts bewegt.

Ver­lag: Bas­tei Lüb­be

ISBN: 978–3-7857–2559-7
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