Chris Kraus – Das Kalte Blut – Interview & Leseprobe

Chris Kraus – Das Kalte Blut – Interview & Leseprobe

20. April 2017 2 Von Markus

Chris Kraus – Das Kalte Blut – Interview <span class=& Lese­pro­be” width=“407” height=“650” srcset=“https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Buchcover_ChrisKraus_Das-kalte-Blut_Web72dpi.jpg 407w, https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Buchcover_ChrisKraus_Das-kalte-Blut_Web72dpi-94x150.jpg 94w, https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Buchcover_ChrisKraus_Das-kalte-Blut_Web72dpi-238x380.jpg 238w” sizes=”(max-width: 407px) 100vw, 407px” />

  1. Das kal­te Blut ist ein Fami­li­en­epos, über Genera­tio­nen hin­weg: Wie sind Sie zu die­ser Geschich­te gekom­men?

Chris Kraus: Die Vor­ge­schich­te zu Das kal­te Blut ist umfang­reich. Um es auf den Punkt zu brin­gen: Ich habe mich für die Ver­gan­gen­heit mei­nes Groß­va­ters inter­es­siert und über ihn auch ein Buch geschrie­ben, zehn Jah­re Recher­che­ar­beit geleis­tet und bin dabei auf eine Ver­si­on mei­ner Fami­li­en­ge­schich­te gekom­men, die mir vor­her fremd war.

 

  1. Wie viel ist Fik­ti­on, und wie viel basiert auf Rea­li­tät?

Chris Kraus: Wie gesagt, ich kom­me selbst aus einer Täter­fa­mi­lie und wuss­te das lan­ge nicht. Ich habe mich daher in his­to­ri­sche Recher­chen gestürzt: Zehn Jah­re lang habe ich in Archi­ven gear­bei­tet, Zeit­his­to­ri­ker inter­viewt, Zeit­zeu­gen getrof­fen und dabei ent­deckt, dass auch die Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ganz anders gelau­fen ist, als uns das im Geschichts-unter­richt bei­gebracht wur­de. Tat­säch­lich wur­de Deutsch­land nach dem Krieg ganz stark von Mit­läu­fern und beken­nen­den Natio­nal­so­zia­lis­ten auf­ge­baut, in allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen, ganz beson­ders aber in den Geheim­diens­ten. Das ist der Kern die­ser Fik­tio­na­li­sie­rung. Ich woll­te wis­sen: Was sind das für Men­schen gewe­sen? Ich woll­te die Beweg­grün­de ihres Han­delns durch­spie­len. Der Hin­ter­grund des Romans ist schon sehr nah an den his­to­ri­schen Fak­ten, die Kon­stel­la­ti­on der Haupt­fi­gu­ren hin­ge­gen ist völ­lig erfun­den.

 

  1. Wie genau haben Sie recher­chiert, wo Ihre Infor­ma­tio­nen bezo­gen?

Chris Kraus: Ich habe sehr vie­le Zeit­zeu­gen befragt, die inzwi­schen alle gestor­ben sind. Ich habe pri­mä­re Quel­len unter­sucht in Archi­ven in Deutsch­land, in der Zen­tra­len Stel­le zur Auf­klä­rung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­bre­chen in Lud­wigs­burg, im Bun­des­ar­chiv Koblenz, Ber­lin, ich war in Riga, in War­schau und in Washing­ton. Dann habe ich natür­lich vie­le Zeit­schrif­ten gele­sen und vor allem eini­ge Fach­his­to­ri­ker getrof­fen.

 

  1. Wo, an wel­chen Orten, spielt Ihr Roman, und wel­che Ver­bin­dung haben Sie zu die­sen Schau­plät­zen?

Chris Kraus: Die Haupt­fi­gu­ren sind alle aus dem deutsch­bal­ti­schen Milieu, wie ich auch. In die­ser Kul­tur ken­ne ich mich aus. Ich habe auch zum Teil die­se alte Spra­che benutzt, mit der ich auf­ge­wach­sen bin, die­sen merk­wür­di­gen Dia­lekt, den es heu­te nicht mehr gibt, eine Mischung aus Ost­preu­ßisch und Jid­disch. Es war schön, wie­der ein­zu­tau­chen in die­se unter­ge­gan­ge­ne Zeit. Ich bin dann den Spu­ren mei­ner Alt­vor­de­ren nach West­deutsch­land gefolgt. Der Roman spielt an vie­len Schau­plät­zen, weil die Haupt­fi­gu­ren Spio­ne sind und die­se zwangs­läu­fig heu­te hier und mor­gen dort sind.

 

  1. Wie bewahrt man beim Erzäh­len eine Art Leich­tig­keit bei die­sen schwe­ren und auch schwer­mü­ti­gen Schick­sals­schlä­gen, Krie­gen, Kata­stro­phen?

Chris Kraus: Es ist schon so, dass der his­to­ri­sche Stoff so irr­sin­nig ist, dass man nur wei­nen oder lachen kann. Wie soll man sich sonst anders behel­fen? Der Stoff selbst gibt eine Distan­zie­rung vor, die gut mit Humor funk­tio­niert. Das Ver­rück­te am Humor ist, dass er auf einer Sei­te die Distan­zie­rung ermög­licht von den Din­gen, die beschrie­ben wer­den, und auf der ande­ren Sei­te aber eine Nähe zu der Figur schafft, die den Humor benutzt. Letzt­lich hat aber der Humor in dem Buch natür­lich viel mit Ver­zweif­lung zu tun.

 

  1. Ist es in heu­ti­ger Zeit beson­ders wich­tig, an die Greu­el der Ver­gan­gen­heit zu erin­nern?

Chris Kraus: Das Ver­rück­te ist: Die Greu­el blei­ben alle immer gleich. Da ist nichts bes­ser gewor­den bis heu­te. Die Grund­aus­stat­tung, die men­ta­le Aus­stat­tung zur Bes­tia­li­tät, hat der Mensch immer. Die kann jeder­zeit durch­schla­gen. Das ist vie­len unse­rer Groß­vä­ter wider­fah­ren in einer Zeit, in der man sich das eigent­lich nicht vor­stel­len konn­te, einer hoch­zi­vi­li­sier­ten Zeit. Mir und Ihnen ist das zum Glück bis­lang nicht wider­fah­ren. Es kann aber jeder­zeit wie­der gesche­hen. Es muss sozu­sa­gen nur eine Kon­stel­la­ti­on da sein, die die Men­schen dazu bringt zu ver­ges­sen. Und dafür ist Geschich­te wich­tig, dass man mög­lichst nicht ver­gisst, und dafür ist Poli­tik wich­tig, dass die­se Situa­ti­on nicht ein­trifft.

Chris Kraus Lese­pro­be (PDF) © Dio­ge­nes Ver­lag