Gott wohnt im Wedding – Regina Scheer

Gott wohnt im Wedding – Regina Scheer

26. März 2019 0 Von Markus

Inhalt:

Ein Haus. Ein Jahrhundert. So viele Lebensgeschichten.

Alle sind sie untereinander und schicksalhaft mit dem ehemals roten Wedding verbunden, diesem ärmlichen Stadtteil in Berlin. Mit dem heruntergekommenen Haus dort in der Utrechter Straße. Leo, der nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrt, obwohl er das eigentlich nie wollte. Seine Enkelin Nira, die Amir liebt, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila, die gar nicht weiß, dass ihre Sinti-Familie hier einst gewohnt hat. Und schließlich die alte Gertrud, die Leo und seinen Freund Manfred 1944 in ihrem Versteck auf dem Dachboden entdeckt, aber nicht verraten hat. Regina Scheer, die großartige Erzählerin deutscher Geschichte, hat die Leben ihrer Protagonisten zu einem literarischen Epos verwoben voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

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Rezension:

Irgendwie hatte mit was Anderem gerechnet. Das ist nicht negativ zu verstehen, denn das was das Buch in mir ausgelöst hatte, war phänomenal.

Fange ich mal mit dem Haus an – dem Erzähler der Geschichte. Man lernt ein 120 Jahre altes Haus kennen, seine Gedankengänge über das Zusammenleben der einzelnen Bewohner und dies nicht nur zu den momentanen Bewohnern, sondern auch schon während des Baus. Das Haus berichtet über seine verschiedenen Erbauer und die ersten Besitzer – und natürlich über den Wedding. Man merkt sehr schnell, dass die Menschen, die heute in dem Haus wohnen, schon früher Verwandte darin hatten.

Da wäre zum Beispiel Gertrud Romberg, die 1918 in diesem Haus auch geboren wurde und somit ein Leben lang unter seinem Dach gewohnt hat. Walter Wagnitz hatte sich in sie verliebt. Er wurde vor dem Haus umgebracht. Gertrud selbst war aber in Manfred, einen Juden, verliebt, der zusammen mit Leo als Untergetauchter gelegentlich bei Gertrud in dem Haus geschlafen hatte. Manfred ist dann leider gefasst worden, so dass nur noch Leo übrigblieb, der aber einen großen Bogen um Gertrud gemacht hatte, da er dachte, dass sie an Manfreds Tod schuld sei.

Wo ich gerade bei Leo bin, bleibe ich auch bei ihm. Er ist nach dem Krieg nach Israel ausgewandert und hat dort in einem Kibbuz seine Frau kennengelernt. Nun ist er zusammen mit seiner Enkelin Nira nach Berlin zurückgekehrt, um ein paar Erbangelegenheiten zu klären. Er begibt sich auf Spurensuche nach seiner Kindheit und landet auch noch ausgerechnet in einem Hotel in seinem alten Kiez.

Dort lernt er Laila kennen, eine Sinti, die auch in dem Haus wohnt, in dem Gertrud lebt.  Sie kümmert rührend um die anderen Sinti und Roma im Haus. Sie geht mit ihnen auf Ämter und versucht immer wieder zu helfen, wobei sie dies anfangs nie wollte. Es hat sich einfach so entwickelt. Natürlich kümmert sie sich auch um Gertrud, die ja nun wirklich in einem Alter ist, wo es vielleicht nicht mehr so gut geht mit dem Selbstversorgen.

Es sind noch viel mehr Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen, aber ich denke, ich habe nun die wichtigsten erwähnt. Das Haus ist total verwohnt und soll bald abgerissen werden und so findet man dort auch immer wieder Probleme, die es so nur in einem solchen Objekt geben kann, denke ich.

Aber was ich viel wichtiger finde, sind die Probleme, die Menschen haben, die am Rand unserer Gesellschaft, und dies nicht nur hier in Deutschland, sondern überall, leben. Menschen, die keine wirkliche Heimat haben, kein Land in dem sie leben können, welches ihr Land ist. Die Juden haben Israel, wo sie leben können. Aber wo können die Sinti und Roma leben, wenn sie gerade mal wieder von einem Land ins nächste vertrieben werden. Ein Gedenkstein reicht da nicht, auch das Umbenennen des Zigeunerschnitzels bringt die Sinti und Roma nicht weiter, sondern es sollte sich etwas in unseren Köpfen verändern, damit sich vielleicht etwas in ihrem Leben verändern kann. Denn was immer wieder rauskommt, sind die Fragen nach dem wohin sollen sie, wenn sie auch aus Deutschland ausgewissen werden. Nur weil es im allgemeinen vielleicht sichere Herkunftsländer sind, aber bedeutet das auch, dass es für eine bestimmte Personengruppe ein sicheres Herkunftsland ist?

Aber auch Probleme der Juden von damals und Heute werden in dem Buch aufgezeigt. Es sind vielleicht auch Probleme in unserer Erinnerungskultur, die sicher besser ist als in anderen Ländern, aber die vielleicht doch etwas spät angefangen hat, vor allem, wenn man bedenkt, an welche Personen und Ereignisse erinnert wird. Dies ist mir schon bei anderen Büchern aufgefallen und fällt mir auch bei diesem wieder auf. Vielleicht kann man dadurch eine bestimmte Verbitterung bei bestimmten Gruppen, wie z.B. den Juden, verstehen. Wobei man auch da immer wieder sehen muss, dass viele junge Juden wieder aus Israel nach Deutschland kommen, und diese auch ihren Staat kritischer sehen als die älteren. Ich denke wirklich, dass dies so sein kann. Nira legt auch sehr oft den Finger in die Wunde ihres Heimatlandes und zeigt auch auf, dass dort lange nicht alles so perfekt ist, wie ihr Großvater Leo es gerne hätte.

Regina Scheer beleuchtet auch, wie wir mit unseren alten Menschen teilweise umgehen, aber sie zeigt auch auf, wie es in einer irgendwie komischen und eigentlich nicht existenten Hausgemeinschaft funktionieren kann. Es ist interessant, wie viele Geschichten und Wahrheiten bei unseren alten Mitbürgern existieren.

Ich kann wirklich noch vieles schreiben, über was ich in diesem Buch so alles nachgedacht habe, was mich alles berührt hat. Ich habe immer wieder auf ein positives Ende für das Haus und für die Bewohner gehofft, aber gerade das Ende hat mich total mitgenommen, so wie es mich nur selten mitnimmt.

Für mich ist es ein Stück deutsche Geschichte, verpackt in einem tollen Roman, mit vielen verschiedenen Blickwinkeln. Ich kann mich immer noch nicht wirklich beruhigen, obwohl ich schon eine Nacht darüber geschlafen habe und ich wünsche mir, dass es noch verdammt vielen Menschen genauso geht wie mir.

Verlag: Penguin Verlag

ISBN: 978-3-328-60016-9