Heldenflucht – Jan Kilman

Heldenflucht – Jan Kilman

27. April 2017 0 Von Markus
Heldenflucht – Jan Kilman

Heldenflucht von Jan Kilman

Inhalt:

1918 – Deutschland nach dem großen Krieg … Das Land wird von Hungersnöten geplagt, die Daheimgebliebenen warten sehnsüchtig auf die Kriegsrückkehrer. In dieser düsteren Zeit begibt sich die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen in die Eifel, in ihr Heimatdorf, das von den Wunden des Krieges heimgesucht wird, wie sich bald zeigt. Als die Bewohner einen stummen französischen Soldaten stellen, kommt eine Spirale der Gewalt in Gang. Menschen verschwinden spurlos, und in den Wäldern wird eine Leiche gefunden. Agnes beschließt, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen …

Rezension:

Da sitzt man da, liest den Klappentext und freut sich so richtig auf die Hauptperson also um genauer zu sein auf Agnes, eine Kriegsberichterstatterin, die es zu Zeiten des ersten Weltkrieges wirklich gegeben haben soll. Sie will den Kriminalfall um die Toten rund um Kirchbach, einem kleinen Dorf in mitten der Eifel, lösen.

Was man dann bekommt ist noch eine Stufe besser als erhofft. Man begibt sich in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg in ein fiktives Dorf mitten in der Eifel. Dort erhält man einen Einblick in das Seelenleben der Einwohner. Man merkt sofort, dass in diesem Dorf nicht alles glatt geht. Anfangs gibt es noch keinen Strom. Im Laufe des Buches wird der örtliche Müller zum Stromlieferant.

Man bekommt kleine Einblicke in die Gemütslagen der Menschen, die in einer Tuchfabrik arbeiten. Diese Menschen haben sich eine Stunde lang zu Fuß auf den Weg zur Arbeit gemacht, dort 10 Stunden gearbeitet und sind dann wieder eine Stunde zurück gelaufen – mitten im Winter. Aus heutiger Sicht schon heftig. Die Härte des Lebens wird nicht in das Zentrum gerückt. Es wird nur angedeutet, aber immer so, dass man es sich trotzdem gut vorstellen kann.

Man bekommt auch einen Einblick in den Handel dieser Zeit. Es wird beschrieben, dass ein fahrender Händler mit einem Ochsenkarren zu den Händlern vor Ort gereist ist, um diese mit den Waren zu versorgen, die gerade lieferbar waren. Da man nicht immer sagen konnte, der fahrende August kommt an dem oder dem Tag mit diesen oder jenen Waren, sondern dieser Fahrende Händler kommt gerade halt dann wann er kommt, wird einem sehr schnell klar, dass nicht immer alles Lieferbar war. Manchmal denkt man auch heute noch, dass dies passieren kann, zum Beispiel den Ostersamstag oder vor Weihnachten oder vor einem einzigen Feiertag. Jeder von uns kennt solche Tage und wird sie wahrscheinlich immer wieder erleben. Nur waren solche Tage in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg Normalität und man konnte nicht sagen, egal, übermorgen gibt es ja wieder meine Lieblingsschokolade.

Man bekommt immer wieder ein Gefühl, was für ein Mangel eigentlich geherrscht hat. Wenn man bedenkt, dass es Menschen gegeben hat, die Ratten gegessen haben Tauben als Fleischbeilage in den Eintopf hinzugegeben haben, wird einem ganz anders. Alles dies wird in dem Buch immer wieder angedeutet und gerade dieses andeuten macht dieses Buch so beklemmend und sorgt dafür, dass es einem unter die Haut geht.

Man fühlt immer wieder mit den Hauptfiguren, mag es der Franz sein, oder Agnes. Die Kriegsberichterstatterin ist so faszinierend beschriebene, das man sich immer wieder fragt, gab es solche Frauen wirklich? Und ja, der Autor hat sich an einer realen Person entlanggehangelt. Kaum zu glauben, aber im 1. Weltkrieg gab es wirklich eine Frau, die auf deutscher Seite über den Krieg geschrieben hat. Sie schrieb von der Front, an der Giftgas eingesetzt und andere Grausamkeiten aufgeboten wurden.

Neben all diesen Tragödien, die es in diesem Buch gibt, gab es auch noch Morde. Man erlebt wie die Soldaten nachhause kommen und wie fertig diese Menschen eigentlich sind. Sie können kaum noch schlafen, zittern nur noch und leiden unter sonstigen Symptomen die man heute als post-traumatische Belastungsstörung bezeichnen würde. Fatal trifft es einen Heimkehrer, der die Sprache verloren hat und für einen Feind gehalten wird, da er in Französischer Uniform im Dorf ankommt. Und das was ich hier erwähne, ist nur ein Teil der Dinge, die in diesem Roman passieren. Manchmal geschieht so viel in den Kapiteln, dass man Angst haben muss, dass man selbst keinen Schaden behält, oder wenn das Telefon klingelt, man erstmal überlegen muss, wo man sich gerade befindet. Man braucht ein paar Minuten, um überhaupt wieder in der Realität anzukommen. Was manchmal wirklich zu kleineren Komplikationen im Alltagsleben geführt hat.

Dieses Buch ist ein Roman, der einen wirklich nicht mehr los lässt. Sogar Tage später ist er innerhalb von Minuten wieder so präsent, dass man nicht wirklich weiß, wo man anfangen muss oder aufhören will. Es ist ein Buch welches einen mitnimmt, was an der Dichte der Geschichte liegen kann, aber auch daran liegen könnte, dass alles plausibel erscheint, so dass ich mich auf der Suche nach genau diesem Dorf gemacht habe. Nein, es gibt es nicht, aber es könnte alles so geschehen sein.

Die Hauptpersonen sind alle gut gezeichnet und man bekommt ein Gefühl für dieses Dorf und das Gefüge, in dem es sich bewegt. Es ist alles in allem ein Buch welches unter die Haut geht, mich zum Denken angeregt hat, neugierig gemacht hat auch auf die Zeit nach dem 1. Weltkrieg mit all ihren Problemen. Ich wünsche mir, dass ich so einen Roman noch oft zwischen die Finger bekomme und er viele Leser findet. Vielleicht auch noch einmal mit Agnes, denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.

Verlag: Heyne – Verlag

ISBN: 978-3-453-43837-8


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