Hochemotional und lebensbejahend

Hochemotional und lebensbejahend

24. April 2019 2 Von Markus

Es passiert ja leider nicht so oft, dass ich im Stadttheater Gießen bin und beim 8. Sinfoniekonzert in der Spielzeit 2018/2019 war es mal wieder so weit.

Und weil es nicht so oft vorkommt, will ich mal von vorne anfangen. Wenn man vor dem Gebäude steht, weiß man, warum man als Gießener Stolz auf dieses Theater ist. Wie sagte ein Nachbar von mir als wir über Notre Dame sprachen: „Wenn in Gießen etwas immer wieder aufgebaut werden muss, wie in Paris die Kathedrale Notre Dame, dann das Stadttheater!“ Gut, dass Stadttheater mit Notre Dame zu vergleichen, ist vielleicht doch schon etwas heftig, aber so hat jede Stadt etwas, das bewahrt werden muss und in Gießen ist es nun mal das Stadttheater.

Ich bin also heute dahin gekommen und obwohl es ein Sinfoniekonzert war, war meine Begleitung für solche Fälle leider nicht dabei. So blieb mir aber mehr Zeit, mal alles zu beobachten. Da war zum einen die Freundlichkeit an der Kasse, oder auch bei den Damen beim Eingang. Es war so eine natürliche Freundlichkeit, auch ein leuchten in den Augen, was einem zeigte, sie machen es auch gerne.

Dann war da die bunte Mischung im Alter des Publikums von gerade mal 20 Jahren bis, wie eine Dame neben mir, so um die 80. Dazwischen war einfach alles vertreten und jeder redet mit jedem, zumindest habe ich im laufe des Abends die Personen um mich rum sehr schnell kennengelernt, so dass es nicht so ins Gewicht fiel, dass ich alleine da war.

Was die Kleiderwahl betrifft, war auch da alles vertreten. Es ist wie ein Querschnitt der Gesellschaft, auch wenn die meisten etwas älter waren, war es trotzdem eine gelöste Atmosphäre.

Um 19:15 Uhr gab es eine Einführung in die Musik des Abends im Foyer des Stadttheaters. Es war wirklich sehr spannend, über die verschiedenen Musiker mehr zu erfahren.  

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Komme ich nun mal zur Musik. Angefangen hatte das Ganze mit Erik Satie und „Relâche“, welches in zwei Teile unterteilt wurde. Der musikalische Leiter und Komponist, Moritz Eggert, erzählte etwas über das Stück, wie sehr Satie ihn beeinflusst hat und warum er gerade dieses Stück ausgewählt hat.

©Katharina Dubno

Bei diesem Stück waren die Tempowechsel und auch der Anspruch an die Ohren sehr hoch, aber irgendwie hatte ich auch da schon das Gefühl heute werde ich emotional abgeholt.

Ich habe schon da die Personen links und rechts neben mir nicht mehr wahrgenommen und mich nur noch auf die Musik und die Bühne konzentrieren können.

Danach ging es mit Claus Kühnl und seinem Stück „Geheimes Wort“ weiter. Es flog einfach an einem vorbei. Auch da hat Moritz Eggert einiges zum Leben des Komponisten gesagt und wie sehr dieser ihn beeinflusst hat. Ich würde gerne etwas über die Musik sagen, aber außer, dass ich diesen Komponisten nicht kannte, und dass mich dieses Stück, welches Moritz Eggert ausgesucht hatte, in Herz und Bauch berührt hat, kann ich gerade nicht sagen. Ach ja, ich werde mir wohl den Namen merken und mir noch das eine oder andere Werk anhören.

Wilhelm Killmayer war wieder so ein Komponist, der mir nichts sagte. Mein Musiklehrer würde wahrscheinlich nun dasitzen und sagen: “Markus ich habe dir immer wieder gesagt, dass klassische Musik einen emotional vollkommen abholen, und dass sie einen komplett überraschen kann.“ Und ja, Herr Sames hätte recht gehabt. Sie erreicht mich immer mehr und ich bin dankbar, dass er mir eine Offenheit zu den verschiedensten Musikgenres gelehrt hat.

Erik Satie war dann das zweite Mal an der Reihe, da Moritz Eggert es ja zweigeteilt hat. Von den Informationen ist bei mir eines hängengeblieben und da sind wir wieder bei meinem Gespräch mit dem Nachbarn über das Stadttheater und die Kathedrale Notre Dame, die wie ich nun gelernt habe auch die Wiege unserer abendländischen Musik ist. Dort gab es die erste richtige Musikschule, hier war die Blüte mehrstimmiger Musik im 12./13. Jahrhundert und auch der Komponist oder die Komponistin wurden erstmals erwähnt. Ein Grund mehr, die Kathedrale wiederaufzubauen. Sie ist einfach wichtig für uns.

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Dann war die Pause, die ich einfach gebraucht habe, um mich neu zu justieren. Ich war und bin noch immer vollkommen gefesselt. Kurze Gespräche mit den Nachbarn gab auch und wir waren alle vollkommen gefangen von der ganzen Atmosphäre, der Art zu dirigieren von Moritz Eggert oder auch dem was er erzählt hat. Aber auch von der Musik, die uns hochemotional abgeholt hatte und da waren wir uns schon jetzt einig.

Danach ging es mit Hans Werner Henze weiter, dem wohl letzten Musikerfürst Deutschlands, zumindest hat dies Herr Eggert so oder so ähnlich gesagt. Was mir aber zu 100% im Kopf blieb war der Satz, dass die Musik prächtig sein muss. Und dieser Klangteppich, der mich dann erreichte war prächtig. Was da auf mich eingestürmt ist an Klangfarben, an Musik, war überwältigend. Es hat mich fast erschlagen.

Wenn man gesehen hat, wie der Dirigent in der Musik aufging oder wenn man die verschiedenen Musiker angesehen hat, wie hochkonzentriert sie waren, aber trotzdem eine gewisse Freude und Unbekümmertheit gezeigt haben und dies bei dem wirklich schwierigen Stück – faszinierend. Wie sie das Stück „Fandango sopra un basso de Padre Soler“ gespielt haben war fantastisch. Die Energie, die da vom Sinfonieorchester ausging, war einfach überall für mich zu spüren.

Modest Mussorgskij mit der „Nacht auf dem kahlen Berge“ kam als nächstes. Die Version „Pictures at an Exhibition“ von Emerson, Lake & Palmer hat den Moderator zusammen mit der sehr strengen Klavierlehrerin zur klassischen Musik gebracht. Dadurch war ich gespannt, an was ich denken muss, wenn ich dieses Stück höre. Auch wenn ich natürlich dieses Lied kenne, hat mich schon gleich der Anfang an etwas Anderes erinnert – und dies waren Hauffs Märchen, die ich auf einer Schalplatte hatte. Sie fing mit einem Stück aus „Nacht auf dem kahlen Berge“ an. Ich hatte in dem Moment die Hülle der Platte vor Augen und war ein kleiner Grundschüler, der Hauffs Märchen hört. Es war laut Moritz Eggert die Originalversion, die das Sinfonieorchester des Stadttheaters gespielt hatte.

Das letzte Stück des Abends war „Puls“ von Moritz Eggert. Man hört immer wieder den Puls schlagen, erst ganz leise und dann immer lauter, mit den ganzen Unwegsamkeiten des Lebens dazwischen. Es geht eigentlich vom Embryo bis zum Tod und man wird wirklich auf die Reise des Lebens mitgenommen und trotz dem Ende ist es absolut Lebens bejahend. Es ist ein Erlebnis, wie das Leben ja auch.

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Danach war der Abend vorbei und ein Blick auf die Uhr sagte mir, es war ein langer Abend. Das Stadttheater hat mich um 20 Uhr gefangen genommen und mich um 22:40 Uhr vollkommen emotional aufgeladen wieder entlassen. Wie sagte die ältere Dame neben mir: „Das war irre!“ Diese Freude und diese Musik heute Abend! Wenn man in die Gesichter an diesem Abend nach dem Konzert schaute, teilten viele diese Meinung – egal ob sie nun älter waren oder jünger. Man hatte einfach nur Freude und Spaß bei diesem hochemotionalen und lebensbejahenden Abend, der viel Mut von Musikern und Dirigenten erforderte. Aber wie Moritz Eggert während des Konzertes über einen seiner Lehrer sprach, der immer wieder Mut von den angehenden Komponisten einforderte – vielleicht sollten wir, egal in welchem Bereich, einfach mutiger werden. Ich für meinen Teil bin sehr froh, dass ich alleine den Mut hatte, in dieses Konzert zu gehen.