Interview mit Benedict Wells

Interview mit Benedict Wells

5. August 2016 0 Von Markus

Interview mit Benedict Wells

  1. Herr Wells, es gibt Leser­stim­men, die sagen, dass sie die­ser Roman zum Wei­nen gebracht hat. Was sagen Sie dazu?

Auch wenn ich es viel­leicht nicht zuge­ben soll­te: Es freut es mich natür­lich. Ich woll­te etwas schrei­ben, was den Leser berüh­ren kann, aber auch etwas, was ihm am Ende Hoff­nung gibt. Falls das beim oder ande­ren geklappt hat, macht mich das sehr glück­lich. Für das Ende von Fast geni­al woll­ten mir damals vie­le – ich zitie­re – »eine rein­hau­en« oder mich gleich erwür­gen, da fin­de ich die Reak­tio­nen jetzt natür­lich ein biss­chen schö­ner.

 

  1. Wie sind Sie auf die­ses gro­ße und erns­te The­ma gekom­men?

Das ent­wi­ckel­te sich beim Schrei­ben. Als ich mit dem Roman begann, war ich noch vier­und­zwan­zig und dach­te, ich wür­de das The­ma Tod wie bei den bis­he­ri­gen Büchern iro­nisch bre­chen. Doch je älter ich wur­de und je wei­ter ich in der Geschich­te vor­an­kam, des­to stär­ker wur­de mir bewusst, dass das nicht mehr gehen wür­de. Und dass ich es auch nicht mehr woll­te. Auch wenn ich kei­ne Wai­se bin und ein sehr lie­be­vol­les Ver­hält­nis zu mei­nen Eltern habe, sind die The­men des Buchs – Ver­än­de­rung, Ein­sam­keit und Ver­lust – mei­ne The­men, nur eben anders erlebt. Mich hat zudem immer fas­zi­niert, wie fra­gil ein Lebens­weg ist, wenn an bestimm­ten Momen­ten nur ein paar Räd­chen nicht inein­an­der­grei­fen. Wie man­che Ent­schei­dun­gen und Ereig­nis­se dafür sor­gen kön­nen, dass man ein völ­lig ande­rer Mensch, wird als man gedacht hat, mit ande­ren Emp­fin­dun­gen, Träu­men und Eigen­schaf­ten. Und ob und wie sich die­se Ent­wick­lung umkeh­ren lässt.

 

  1. Wie lan­ge haben Sie an die­sem Roman gear­bei­tet?

Am Ende waren es fast sie­ben Jah­re. Die Idee kam mir irgend­wann 2008, und so schrieb ich lan­ge abwech­selnd an Fast geni­al und Vom Ende der Ein­sam­keit, wobei Letz­te­res deut­lich mehr Zeit in Anspruch nahm. Die Hand­lung geht über fünf­und­drei­ßig Jah­re, ich muss­te eine völ­lig ande­re Spra­che ver­wen­den als bis­her, als Schrift­stel­ler qua­si alles neu ler­nen. Das habe ich aber auch gesucht, ich woll­te mich ver­än­dern. Anfangs hat­te der Roman ca. acht­hun­dert Sei­ten, doch mir war wich­tig, dass die Geschich­te dicht erzählt ist. Ich kürz­te dann nach und nach auf drei­hun­dert­fünf­zig Sei­ten und habe dau­ernd über­legt, wo man am bes­ten die Schnit­te setzt. Ich woll­te mir dies­mal ein­fach so viel Zeit neh­men wie nötig, und alles tun, was ich konn­te.

 

  1. Wie kamen Sie auf den Titel Ihres Romans?

Zum einen glau­be ich, dass Ein­sam­keit etwas ist, was vie­le umtreibt. Man spricht nicht gern dar­über, viel­leicht nicht mal vor sich selbst, aber ich glau­be, die­ses Gefühl wird von vie­len emp­fun­den, zumin­dest in man­chen Momen­ten. Vor Jah­ren sprach mich schließ­lich ein Jour­na­list dar­auf an, dass am Ende mei­ner bis­he­ri­gen Roma­ne der Prot­ago­nist immer ein­sam ist. Ich war im ers­ten Moment völ­lig baff, das war mir über­haupt nicht bewusst gewe­sen. Und dann sag­te ich zu ihm: »Ja, aber bei dem Buch, an dem ich gera­de schrei­be, wird es anders sein. Da geht es um das Über­win­den von Ein­sam­keit.« So kam ich auf den Titel.

  1. Stimmt es, dass Sie drei­zehn Jah­re in Hei­men bzw. staat­li­chen Inter­na­ten ver­bracht haben? Das ist ja ein ziem­li­cher Rekord!

Das wur­de mir erst in den letz­ten Jah­ren rich­tig bewusst. Ich hat­te ja immer Mit­schü­ler um mich her­um, erst spä­ter habe ich begrif­fen, dass die meis­ten von ihnen nur ein paar Jah­re im Heim waren, ich dage­gen die gan­ze Stre­cke von sechs bis neun­zehn. Ich glau­be jedoch, so war es ein­fa­cher, denn ich kann­te ja nichts ande­res als das Inter­nat und konn­te nichts ver­mis­sen. Viel schwie­ri­ger ist es zum Bei­spiel für die Geschwis­ter im Roman, die teils schon Teen­ager sind, aus ihrem alten Leben her­aus­ge­ris­sen wer­den und Freun­de und ihr Zuhau­se zurück­las­sen müs­sen.

 

  1. Wie kamen Sie so früh ins Inter­nat? Was bedeu­tet die­se Zeit für Sie, im Guten wie im Schlech­ten?
    Ach, es ging eben damals nicht anders. Als ich ein Kind war, wur­de ein Eltern­teil krank, der ande­re arbei­te­te selb­stän­dig, es gab finan­zi­el­le Pro­ble­me, da lag ein Heim ein­fach nahe. Des­halb war ich aber auch nie sau­er auf mei­ne Eltern, weil ich ja wuss­te, war­um ich da war. In guten Momen­ten war das Inter­nat dann wie Hog­warts, nur ohne Zau­be­rei – auch wenn es gera­de zu Beginn sicher mal schwie­ri­ge­re Pha­sen gab. Auf einem Inter­nat ent­steht jedoch bei aller Här­te auch eine wahn­sin­ni­ge Ver­traut­heit, man sieht sich jah­re­lang Tag und Nacht. Wenn wir als Kin­der zu sechst im Schlaf­saal lagen und einer vor Heim­weh wein­te, beka­men wir das genau­so mit, wie wenn sich spä­ter einer ver­lieb­te, glück­lich war oder Stress zu Hau­se hat­te. Wir wuss­ten alles von­ein­an­der, eine unglaub­li­che Dich­te an Erleb­nis­sen, Emo­tio­nen und Cha­rak­te­ren, die mich als Autor bis heu­te prägt. Die Zeit dort war aber auch sonst sehr wich­tig für mich, ich habe mich nach der Schu­le unab­hän­gi­ger und frei­er gefühlt, viel­leicht auch wüten­der. Ich habe ein­fach einen gro­ßen Wil­len und Taten­drang gespürt, hin­aus­zu­ge­hen und etwas zu machen. Und gera­de die letz­ten Jah­re im Heim waren mit die schöns­ten mei­nes Lebens. Mit sei­nen bes­ten Freun­den zusam­men­zu­woh­nen, nachts Unsinn zu machen oder bis zum Mor­gen zu reden, die­se Zeit bedeu­tet mir sehr viel.

 

  1. Es fällt auf, dass Sie nur sehr wenig Inter­views geben und alle Talk­show-Anfra­gen ableh­nen. Gibt es dafür einen Grund?

Ich ste­he ein­fach nicht so gern in der Öffent­lich­keit. Und vor allem möch­te ich die Bücher nicht über mein Pri­vat­le­ben ver­kau­fen, die Geschich­ten sol­len für sich selbst spre­chen.

 

  1. Gibt es sonst noch Sei­ten am Schrift­stel­ler Bene­dict Wells, die wir nicht ken­nen? Womit wer­den Sie uns noch über­ra­schen?

Vom Ende der Ein­sam­keit ist für mich per­sön­lich das wich­tigs­te Buch, das ich bis­her geschrie­ben habe. Jetzt, wo ich damit fer­tig bin, möch­te ich etwas Neu­es aus­pro­bie­ren und als Autor ein­fach Spaß haben. Und so kann es sein, dass die Rich­tung, die ich nun ein­schla­ge, über­ra­schend kommt. Denn sosehr ich Schrift­stel­ler wie Ishi­gu­ro, Fitz­ge­rald und Irving lie­be, so sehr lie­be ich auch die Har­ry-Pot­ter-Rei­he und Kra­bat, die Jugend­ro­ma­ne von John Green und Fil­me wie Das Impe­ri­um schlägt zurück. Ich habe ein paar Buch­i­de­en im Kopf und freue mich wie ein Kind dar­auf, sie end­lich nie­der­zu­schrei­ben.

Hör­pro­be vom Ende der Ein­sam­keit :

© by Dio­ge­nes Ver­lag

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