Interview mit Emanuel Bergmann (incl. Hör- & Leseprobe)

Interview mit Emanuel Bergmann (incl. Hör- & Leseprobe)

17. August 2016 0 Von Markus

Interview mit Emanuel Bergmann (incl. Hör- <span class=& Lese­pro­be)” width=“599” height=“800” srcset=“https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Pressebild_Ganzkoerper_EmanuelBergmann_FotoPhilippRohnerCopyrightDiogenesVerlag_300dpi.jpg 599w, https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Pressebild_Ganzkoerper_EmanuelBergmann_FotoPhilippRohnerCopyrightDiogenesVerlag_300dpi-112x150.jpg 112w, https://www.literaturlounge.eu/wp-content/uploads/Pressebild_Ganzkoerper_EmanuelBergmann_FotoPhilippRohnerCopyrightDiogenesVerlag_300dpi-285x380.jpg 285w” sizes=”(max-width: 599px) 100vw, 599px” />

  1. Herr Berg­man, Ende Febru­ar 2016 erscheint Ihr Debüt-Roman Der Trick, des­sen Haupt­fi­gur ein Büh­nen­zau­be­rer ist. Kön­nen Sie selbst zau­bern?

Nein, ich bin ein Toll­patsch. Wenn ich einen Hasen her­zau­bern wür­de, wür­de er mir wahr­schein­lich in den Fin­ger bei­ßen und weghop­peln. Als Kind war ich aber von der Zau­ber­kunst sehr fas­zi­niert. Das ging uns wahr­schein­lich allen so. Mein Vater hat mir, als ich noch sehr klein war, einen Trick gezeigt, bei dem er schein­bar sei­nen Dau­men von der Hand abge­trennt hat. Davon träu­me ich heu­te noch! Ich habe mei­ne Eltern bekniet, mir einen Zau­ber­kas­ten zu kau­fen, und dann muss­ten mei­ne Ver­wand­ten stän­dig mei­ne mise­ra­blen Zau­ber-Auf­füh­run­gen ertra­gen. Als mein Vater mir dann gezeigt hat, wie der Trick mit dem Dau­men funk­tio­niert, war das noch fas­zi­nie­ren­der. Es war kei­ne Ent­zau­be­rung, son­dern die Ein­sicht, dass es Mecha­nis­men hin­ter den Mys­te­ri­en gibt, hin­ter die man erst kom­men muss.

 

  1. Ihr Roman hat zwei Erzähl­strän­ge: Da ist einer­seits die Geschich­te von Mosche Gol­den­hirsch aus Prag, der Ende der drei­ßi­ger Jah­re in Ber­lin ein berühm­ter Zau­be­rer wird unter dem Namen „Der gro­ße Zab­ba­ti­ni“. Und ande­rer­seits die Geschich­te des elf­jäh­ri­gen Max, der im heu­ti­gen Los Ange­les lebt und dem alt gewor­de­nen Mosche begeg­net. Die eine Geschich­te spielt in Euro­pa, die ande­re in den USA. Wel­che Geschich­te stand am Anfang des Romans, womit haben Sie ange­fan­gen?

Ich woll­te eine Geschich­te schrei­ben, die bei­des in sich ver­eint, weil ich in mir selbst einen Wider­spruch ver­spü­re. Ich bin in Deutsch­land gebo­ren und auf­ge­wach­sen, lebe aber seit über zwan­zig Jah­ren in Los Ange­les. Auf der einen Sei­te spielt sich mein Leben also hier ab, in einer ame­ri­ka­ni­schen Stadt vol­ler Cha­os und frem­der Kul­tu­ren, auf der ande­ren Sei­te füh­le ich mich immer noch ver­wur­zelt im alten Euro­pa, wo man stän­dig auf die Relik­te, Monu­men­te, Rui­nen der Geschich­te stößt. Wenn ich in Kali­for­ni­en bin, fehlt mir Deutsch­land immer sehr. Aber wenn ich dann in Deutsch­land bin, geht mir nach einer Wei­le alles auf den Keks. Die Deut­schen hal­ten es für eine Tugend, schlecht­ge­launt zu sein. Ich habe immer das Gefühl, zwi­schen zwei Stüh­len zu sit­zen. In die­ser Kluft woll­te ich die Geschich­te ansie­deln.

 

  1. Wie ent­stand die Idee zu die­sem Roman?

Da gab es ganz ver­schie­de­ne Impul­se. Unter ande­rem habe ich in einem jüdi­schen Monats­ma­ga­zin hier in Los Ange­les einen Arti­kel über die Zau­ber­künst­ler im Ber­lin der drei­ßi­ger Jah­re gele­sen, den ich unglaub­lich inter­es­sant fand. Ich ken­ne das Milieu der Zau­be­rer in Los Ange­les ganz gut und war über­rascht, wie ähn­lich das damals war, und dach­te mir, das wäre ja eine wun­der­ba­re Brü­cke zwi­schen den bei­den Wel­ten: das Milieu der Zau­be­rei, und dazu der Gedan­ke der Emi­gra­ti­on. Außer­dem hat­te ich damals eini­ge Fil­me über Zau­ber­künst­ler gese­hen habe, die ich sehr schlecht fand, kli­schiert, unglaub­wür­dig. Die Geschich­te, dir mir vor­schweb­te, gab es ein­fach nicht, weder als Buch noch als Film. Also muss­te ich sie sel­ber schrei­ben.

 

  1. Wie kommt es, dass Sie sich in der Zau­ber­sze­ne so gut aus­ken­nen?

Mei­ne Exfrau war eini­ge Zeit die Assis­ten­tin eines Büh­nen­zau­be­rers, dadurch kam ich in das Milieu hin­ein. Ich habe vie­le Zau­be­rer ken­nen­ge­lernt, alte und jun­ge. Ich war häu­fig im Magic Cast­le, das ist ein Klub, der auch im Roman vor­kommt. Da sit­zen die Zau­be­rer, erzäh­len sich Anek­do­ten aus ver­gan­ge­nen Zei­ten oder gif­ten sich an. Ich habe dort mal ein Duell der Magi­er mit­er­lebt, zwei betrun­ke­ne Zau­be­rer haben sich an der Bar gegen­sei­tig ange­pö­belt. Zab­ba­ti­ni basiert unter ande­rem auf einem stein­al­ten Varie­té-Künst­ler, den ich mal auf einer Büh­ne in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen Thea­ter in Down­town Los Ange­les gese­hen habe. Sei­ne Show war ziem­lich däm­lich, er wur­de vom Publi­kum völ­lig igno­riert. Und er tat mir leid.

  1. Und wie kam die zwei­te Haupt­fi­gur des Romans, der elf­jäh­ri­ge Max, ins Spiel?

Max bin im Grun­de ich selbst. So war ich als Kind. Leicht­gläu­big und stur wie ein Bock. Es hat sich nicht viel geän­dert. Außer­dem gibt es kein dank­ba­re­res Publi­kum für Zau­be­rer als Kin­der. Als Kind glaubst du noch an Wun­der, an den Weih­nachts­mann, an den Oster­ha­sen. Die Eltern von Max ste­hen kurz vor der Schei­dung, und der Jun­ge ist fest davon über­zeugt, dass der Gro­ße Zab­ba­ti­ni sie mit einem Lie­bes­zau­ber wie­der zusam­men­brin­gen kann. Bei­de Cha­rak­te­re, Max und Zab­ba­ti­ni, haben jah­re­lang irgend­wo in mei­nen Gedan­ken vor sich hin­ge­schlum­mert, und eines Tages waren sie ein­fach da, völ­lig greif­bar. Manch­mal erschei­nen mir mei­ne Figu­ren im Traum und spre­chen mit mir. Beson­ders Max hat mir eine Wei­le lang kei­ne ruhi­ge Nacht gegönnt, er hat stän­dig gequen­gelt.

 

  1. Wie sind Sie nach Los Ange­les gekom­men?

Mit dem Flug­zeug und zwei schwe­ren Kof­fern. Ich war zwan­zig, ich woll­te hier Film stu­die­ren. Ich soll­te bei einem Bekann­ten über­nach­ten, aber der hat das ver­ges­sen und war nicht da. Ich bin mit mei­nen Kof­fern durch die Stadt gelau­fen, saß stun­den­lang in irgend­wel­chen Cof­fee­shops und war am Ver­zwei­feln. Irgend­wann ging ich in ein Motel am Sun­set Bou­le­vard, der Mann am Emp­fang hat­te Mit­leid mit mir, ich durf­te dort eine Nacht blei­ben, obwohl ich das Zim­mer nicht bezah­len konn­te. So fing es an. Es war eine auf­re­gen­de Zeit. Ich habe vie­le Jah­re am Ran­de der Film­in­dus­trie gear­bei­tet und mich so durch­ge­krebst. Film hat mich, genau wie Zau­be­rei, seit mei­ner Kind­heit fas­zi­niert. Aber im Lau­fe der Zeit muss­te ich ein­se­hen, dass mir für das Fil­me­ma­chen die Bega­bung fehlt. Außer­dem ist Schrei­ben viel schö­ner. Beim Film muss man immer mit Wid­rig­kei­ten kämp­fen, da hat man wie­der das Pro­blem der weghop­peln­den Hasen. Aber wenn man schreibt, dann kann man ein­fach ins war­me Was­ser sprin­gen und sich trei­ben las­sen. Man kann machen, was man will, es gibt kei­ne Gren­zen. Die ein­zi­ge Gren­ze ist die eige­ne Vor­stel­lungs­kraft, und die ist uner­schöpf­lich.

  1. Gibt es Par­al­le­len zwi­schen der Zau­be­rei und der Lite­ra­tur?

Bei­des dient der Ver­zau­be­rung der Wirk­lich­keit. Es gibt in dem Roman eine Sze­ne, wo erklärt wird, dass ein Zau­ber­trick wie eine Geschich­te struk­tu­riert ist. Geschich­ten­er­zäh­len und Zau­be­rei sind bei­de eine Form der Lüge. Eine Lüge, die wir brau­chen, um nicht am Leben zu ver­zwei­feln. Im Roman heißt es: eine schö­ne Lüge. Das beschäf­tigt mich sehr, das The­ma der not­wen­di­gen, der schö­nen Lüge. Das Leben ist grau­sam, das Leben hat kei­ne Struk­tur, wir alle ken­nen Schmerz, wir alle ken­nen Ver­lust und Ver­zweif­lung. Und das Schreck­li­che ist, dass es so sinn­los ist. Es gibt kei­ne höhe­re Erkennt­nis, es gibt kei­ne Beloh­nung, kei­nen Lut­scher am Ende wie beim Zahn­arzt. Des­halb müs­sen wir aus die­sem Leid, in dem wir uns befin­den, eine nar­ra­ti­ve Struk­tur erschaf­fen, eine Geschich­te. Weil wir sonst am Cha­os ver­zwei­feln wür­den. Unser Lut­scher ist die Lüge.

Hör­pro­be :

 

Lese­pro­be :

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