Interviews

Interview mit Martin Suter über Elefant

  1. Elefant ist eine ungewöhnliche, hochaktuelle Geschichte, mit bewegenden, vielfältigen Schicksalen und einem kleinen Helden, den man nie mehr vergessen wird. Worum geht es genau in Ihrem neuesten Roman?

Martin Suter: Es ist ein Abenteuer um einen winzigen, rosaroten Elefanten, der im Dunkeln leuchtet. Ein zauberhaftes Zufallsprodukt eines gentechnischen Experimentes, das die Habgier der Gentechindustrie und den Achten Sie einmal auf die ersten und letzten Sätze der Kapitel. Ich glaube, viele davon würden auch als erste Romansätze durchgehen.Beschützerinstinkt eines obdachlosen Alkoholikers, einer engagierten Tierärztin und eines burmesischen Elefantenflüsterers weckt.

 

  1. Ihr Thema ist kühn und gewagt: Alles scheint heute möglich, alles scheint machbar.
    Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman?

Martin Suter: Vor zehn Jahren, an einem Alzheimerkongress in Tübingen, wo ich aus Small World gelesen habe, hat mir der Alzheimerforscher Prof. Jucker während einer Führung durch das Hertie-Institut so beiläufig gesagt, dass es heute gentechnisch kein großes Problem wäre, einen rosaroten Minielefanten herzustellen. Das Bild ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

 

  1. Elefant ist voller Spannung, ein Thriller. Birgt die Realität – das Geschäft mit der Gen-manipulation – einen vergleichbaren Zündstoff?

Martin Suter: Ich glaube schon. Die Gentechnologie kann immer mehr Dinge, die aus ethischen Gründen verboten sind oder werden. Überall, wo Machbares kriminell ist, ist Zündstoff drin. Vor allem, wenn es um so viel geht wie auf diesem Gebiet.

  1. Warum fiel Ihre Wahl des kleinen leuchtenden Tieres auf einen Elefanten? Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesen Tieren, oder haben Sie während des Schreibens an diesem Roman eine solche entwickelt?

Martin Suter: Ich entwickle bei allen Romanen beim Recherchieren und Schreiben eine besondere Beziehung zu meinen Figuren.  Und wenn sie so niedlich, rätselhaft und ehrfurchteinflößend sind wie die kleine Sabu, natürlich umso mehr.

  1. Und war es eine Herausforderung, über ein Geschöpf zu schreiben, das es in der Realität so nicht gibt: einen rosa Mini-Elefanten?

Martin Suter: Die Herausforderung war, es so plausibel zu beschreiben, dass man vergisst, dass es das Geschöpf in der Realität nicht gibt. Aber das ist ohnehin die Herausforderung der Fiktion.

 

  1. Wussten Sie damals schon von den »Glowing Animals«, oder wie sind Sie darauf gestoßen? Haben Sie eine Erklärung dafür, wie man auf die Idee kommen kann, so etwas zu »produzieren«?

Martin Suter: Als ich begann, das Buch über den rosa Minielefanten zu schreiben, habe ich wieder Kontakt aufgenommen mit Prof. Jucker. Er war es, der mich auf »Glowing Animals« aufmerksam gemacht hat. Die Idee, Zellen zum Leuchten zu bringen, ist für die Forschung nicht so abwegig. So kann man zum Beispiel Zellen markieren, um sie im Organismus wiederzufinden und von unbehandelten zu unterscheiden.

 

  1. Sollten Menschen so in die Natur eingreifen?

Martin Suter: Das ist eine der großen Fragen. Sie wird natürlich auch im Buch behandelt, aber ich weiß keine schlüssige Antwort darauf. In der Gentechnologie stecken phantastische Möglichkeiten und riesige Gefahren. Ich glaube nicht, dass das kontrollierbar ist. Die Erfahrung zeigt: Was machbar ist, wird gemacht, was passieren kann, passiert. Die Vorreiter auf diesem Gebiet sind China und die USA.

 

  1. Ihr Roman hat die unterschiedlichsten Schauplätze: Er spielt in der Zirkuswelt, in der sterilen Welt eines gentechnischen Labors, in einer Villa am Zürichberg, in der Welt der Obdachlosen. Vor allem Letztere wird beschrieben, als hätten Sie sie ausführlich studiert. Wie gehen Sie bei Ihrer Recherche vor?

Martin Suter: Neben den Recherchen im Internet versuche ich immer, vor Ort zu gehen oder mich von Fachleuten aus den Gebieten, die ich beschreibe, informieren und beraten zu lassen. Im Fall der Obdachlosen waren es folglich Obdachlose und ehemalige Obdachlose, die mir die Szene gezeigt und erklärt haben.

 

  1. Obdachlose in einer der reichsten Städte der Welt, in Zürich. Ist hier die Fallhöhe besonders groß? Auch Ihr Protagonist Schoch hat ja ein Vorleben…

Martin Suter: Hier ging es mir weniger um die Fallhöhe als um die Plausibilität. Die Betreuung der Obdachlosen und Randständigen der Stadt Zürich durch Staat, Privatinitiativen und Kirche ist übrigens eindrücklich.

 

  1. Wie stehen Sie zum Zirkus, hat Sie die dortige Atmosphäre schon immer fasziniert?

Martin Suter: Der Zirkus ist eine Jugenderinnerung, die unsere kleine Tochter jetzt wiederaufleben lässt. Ich war aber nie eines der Kinder, das davon träumte, mit dem Zirkus durchzubrennen.

 

  1. Sie sind bekannt für Ihre ersten Sätze im Roman. Elefant fängt an mit:
    »Eine Entzugserscheinung konnte es nicht sein, er hatte genug getrunken.«
    War dieser Satz auch als Erstes da, oder wie lange haben Sie daran gefeilt?

Martin Suter: Dieser Satz war von Anfang an der erste des ersten Kapitels. Aber das Erste war nicht immer das Erste gewesen. Ich habe nicht viel länger daran gefeilt als an anderen Sätzen. Mir sind alle Sätze wichtig, aber vielleicht die ersten und die letzten dramaturgisch etwas wichtiger. Nicht nur die des Buches, auch die der Kapitel.

Leseprobe :

Leseprobe Elefant – Martin Suter

© by Diogenes Verlag AG Zürich

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