[Konzert] Das ist doch nicht Schönberg?

[Konzert] Das ist doch nicht Schönberg?

17. November 2019 0 Von Markus

Monatlich grüßt das Sinfoniekonzert und jedes Mal, sitze ich da und habe am nächsten Tag mindestens eine Sache gelernt, oder zumindest einen neuen Komponisten kennengelernt.

Warum habe ich diesmal mit einer Frage in der Überschrift angefangen, kann ich ganz einfach erklären. Die erste Hälfte des Konzerts war mit den Komponisten Pantscho Wladigerow und Arnold Schönberg besetzt. Letzterer gilt als einer der Erfinder der 12-Ton-Musik, oder wie ein Schüler von ihm mal sagte, er hat die 12-Ton-Musik gefunden – und diesen Ausspruch finde ich viel schöner.

Es war einfach so, dass sowohl ich, als auch meine Sitznachbarin dachten, es wäre die Zugabe und noch ein Stück von Wladigerow, doch dem war nicht so, und wir waren überrascht.

Wladigerow begeisterte mich, und alle um mich rum, als Komponist mit dem 1. Violinkonzert f-Moll op. 11. Das Solo hatte an dem Abend Ivan Krastev. Er ist der 2. Konzertmeister im Gießener Philharmonisches Orchester. Am Anfang hatte ich so das Gefühl, er komme nicht so ganz mit dem Solo zurecht. Er war am Anfang doch zu sehr ein Mitglied des Orchesters und zu wenig Solist. Aber je länger es dauerte, desto besser wurde er. Es war, als würde er sich immer wohler in der für ihn doch recht ungewohnten Rolle fühlen und man sah es auch seinem Gesicht an. Er hatte auf einmal nicht nur um den Mund herum ein Lächeln, sondern auch um die Augenpartie. Ich hatte das Gefühl, er genoss es immer mehr und ging in der Musik, die er gerade spielte, voll auf.

Wladigerow, für alle die ihn nicht kennen, ist einer der bedeutendsten bulgarischen Komponisten und zählt in Bulgarien zu dem zentralen Nationalkomponisten. Und lebte von 1899 – 1978 und studierte ab 1914 an der Berliner Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik. Er stand unter anderem auch mit Richard Strauss, Paul Hindemith oder dem Schriftsteller Stefan Zweig in einem regen künstlerischen Austausch, um nur ein paar zu nennen.

Das zweite Stück war das Notturno für Streicher und Harfe von Arnold Schönberg. Dieses Stück geht nur ca. 4 Minuten lang, und ist, wie eingangs schon erwähnt, ganz anders, als das was ich erwartet hatte. Es hat sich perfekt mit dem Stück davor ergänzt, weswegen man auch teilweise irritiert sitzen blieb, und sich erstmal wunderte, warum die Musiker aufstehen, wenn sie doch noch Schönberg spielen wollen, denn das konnte, wie am Anfang bereits erwähnt, nicht Schönberg gewesen sein. Ich bin dann ja immer ganz beruhigt, dass es nicht nur mir alleine so geht, sondern dass auch Menschen, die mehr von dieser Art von Musik verstehen, verwirrt sein können. Aber ja, es war schon Schönberg und plötzlich war es auch schon vorbei.

In der Pause ist mir das aufgefallen, was mir schon bei der Konzerteinführung auffiel. Es waren mehr junge Menschen im Konzert als sonst. Es wurde überall lebhaft diskutiert und ich traf zufällig auf den Herrn, der immer die Konzerteinführungen macht, der mir dann noch mal einiges erklärte. Bezüglich des Stücks von Schönberg, war es einfachinteressant zu erfahren, dass sich die beiden Komponisten am Anfang sehr ähnlich waren, aber Schönberg sich in eine andere Richtung entwickelt hat.

Noch etwas zur Einführung. Es waren viel mehr Leute da, als anfangs Stühle standen, und der junge Mann, der für jeden, der da war, noch Stühle gestellt hat, war sehr freundlich und zuvorkommend, nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen. Ich habe ihn einen Moment beobachtet. Er war sehr ruhig und nicht überdreht, sondern einfach nur auf den Punkt genau so, wie man es sich immer wünscht – ruhig und zuvorkommend. Auch die Bedienungen oben im Foyer waren genau so, wie man es sich wünscht, nett, freundlich und immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ich kann es einfach nicht oft genug erwähnen, da ich es immer häufiger auch anders erlebe. Über den Mann, der die Einführung macht, da bin ich ohnehin der Meinung, er ist vollkommen unterschätzt, oder zumindest habe ich ihn lange nicht genug wertgeschätzt. Aber darüber werde ich wohl im Dezember nach dem 5. Sinfoniekonzert noch etwas schreiben.

Komme ich nun zur den Stücken nach der Pause. Es war „La Valse“ von Ravel. Gut, ich habe ja bereits beim 1. Kammerkonzert gelernt, dass Ravel nicht nur der Bolero ist, sondern noch viel mehr. Es macht mich immer neugieriger auf klassische Musik, denn „La Valse“ hat zwischenzeitlich doch sehr zum Träumen und Nachdenken geführt. Dies zeigt mir immer deutlicher, es ist einfach spannend, sich auf jeden Komponisten unvoreingenommen einzulassen.

Der Abschluss war Igor Strawinsky mit „Der Feuervogel“. Es hat mich fasziniert, dass ich teilweise jedes Instrument heraushören konnte. Auch wenn es teilweise sehr impulsive war, wie bei einem Brand, fand ich es imponierend, wie rund eine gut eingesetzte Triangel das ganze Stück machen kann. Also ein Instrument, welches man in der musikalischen Früherziehung verwendet und das doch immer wieder belächelt wird, kann einfach der besondere Punkt in einem Stück sein.

Dies zeigt mir immer wieder, dass man nur sehr schwer auf ein bestimmtes Instrument verzichten kann und jedes in einem Orchester seine uneingeschränkte Daseinsberechtigung hat.

Was ich über den ganzen Abend sehr spannend fand, war das Harfenspiel von Hye-Jin Kang. Sie war zwischendrin immer wieder sehr gut zu hören, aber nie zu präsent, sondern sie hat das ganze abgerundet. Und dies ist genau das, was ich meine – jedes Instrument ist einfach wichtig. Ein Philharmonisches Orchester besteht nicht nur aus Streichern, sondern es sind die vielen kleinen und großen Instrumente, oft die, die einen besonderen Klang haben, die dies alles Rund erscheinen lassen. Glauben sie mir, es ist etwas ganz Anderes, ob sie im Theatersaal sitzen oder ob sie zuhause vor dem Radio oder der Musikanlage. Lassen sie sich einfach mal verzaubern. Dabei ist es total egal, ob sie nun alt oder jung sind, gehen sie ins Konzert, schließen sie die Augen und lassen sie sich verzaubern. So, wie mich bei diesem Sinfoniekonzert die Komponisten, wie Ivan Krastev, aber auch Hye-Jin Kang an der Harfe verzaubert haben, um nur ein paar der vielen Musiker zu nennen.