[Rezension] ewig her und gar nicht wahr – Marina Frenk

Inhalt:

Kann man sich totstellen, um der sicheren Erschießung zu entkommen? Einen Fluch unschädlich machen, indem man die Tür verriegelt? Den Abschied vergessen und Gefühle auf Leinwand bannen? Kira erzählt ihre Familiengeschichte. Eine Geschichte von Aufbrüchen und Verwandlungen, von Krokodilen und Papierdrachen.

Die junge Künstlerin Kira lebt mit Marc und dem gemeinsamen Sohn Karl in Berlin. Sie gibt Malkurse für Kinder, hat lange nicht ausgestellt, lange nichts gemalt – und zweifelt. Ihre Beziehung zu Marc ist sprach- und berührungslos. Ihre leicht verrückte Freundin Nele fragt manches, versteht viel und lacht gern, während Kira glaubt, in die Zukunft zu sehen und die Vergangenheit zu erfinden.

In den neunziger Jahren ist sie mit ihren Eltern aus Moldawien nach Deutschland gezogen, irgendwo angekommen ist aber keiner in ihrer russisch-jüdischen Familie. Kira betrachtet nicht nur das eigene Leben, mitunter zynisch und distanziert, sondern auch das ihrer Vorfahren, die sie teilweise nur von Fotos kennt. Sie reist nach New York, Israel und Moldawien, versucht, die Geschichten zu begreifen und in ihren großformatigen Bildern zu verarbeiten.

Marina Frenk findet eine frische, bilderreiche und sehr körperliche Sprache. Ihr eindrückliches, raffiniert gebautes Debüt ist ein Buch über Familie und Herkunft, über Eltern- und Kindschaft. Es ist ein heutiger Künstlerinnenroman und vor allem auch der Roman einer Liebe.

Rezension:

„ewig her und gar nicht wahr“ war für mich ein sehr schweres Buch. Da ist zum einen der stete Wechsel zwischen den Zeiten, obwohl das nie das Problem war. Mir ist es egal, ob es in Capresti in Bessarabien 1941 spielt und dann wieder im jetzt und dann in Moldawien 1993. Dies alles macht es mir das Lesen nicht schwer, sondern ich finde es sehr interessant, diese verschiedenen Orte und Zeiten kennenzulernen.

Auch die Menschen, die man dort kennenlernt, wie den Großvater, die Oma, oder Mutter und Vater. All dies macht es nicht schwer, sondern macht es lesenswert. Auch Nele, Kiras beste Freundin, und die Kunstszene, geben eine gewisse Würze.

Was es für mich schwierig machte, waren die Tagträume von Kira, der Hauptperson, die so unvermittelt kamen und einen immer wieder fordern, vor allem dann, wenn man selbst ein Mensch mit psychischen Störungen ist, und man diese Gedankensprünge sehr oft an sich selbst beobachten konnte. Auch wenn man Menschen kennt, die eine Borderlinestörung haben und sich immer wieder selbst verletzen, berührt einen diese Geschichte besonders.

Aber klasse ist einfach, die Sprache des Buches, auch die Bilder, die es in einem hervorrufen kann. Man lernt vieles über Moldawien, über die Kultur und Menschen, egal ob es 1941 ist, oder 1993. Ich habe die Flucht mit der Familie von Kira regelrecht erlebt und mitgefiebert. Die erste Ausstellung mit Bildern von Kira werde ich tief in meinem Herz verankern, genauso wie das Hostel in New York.

Es sind viele Erlebnisse und Personen, die einen bewegen. Man möchte mit Nele und Kira auf dem Dach in Berlin sitzen und den kleinen Karl erleben, wie er spielt und lacht. Auch will man die gestörten Erfahrungen von Kira und Männern nachfühlen und man kann dies auch gut erleben.

Aber und dies kann man nun als Kompliment sehen oder auch nicht, diese Gefühle, die ihre Tag- und Albträume im Leser erzeugen, die sind für Menschen, die selbst an den beschriebenen psychischen Störungen leiden oder gelitten haben, schwer auszuhalten und bescheren einen immer wieder neue, teilweise heftige, Albträume. Es ist aber so, dass es schwer ist, solche Situationen zu beschreiben und normalerweise werde ich nicht getriggert, und wenn, dann nicht so oft wie in diesem Buch.

Für mich ein tolles Stück Literatur, mit verdammt viel Tiefgang, aber nichts für zwischendurch, da es bei mir zumindest immer wieder bis in den Schlaf, und somit in meinen Träumen, nachgewirkt hat.

Verlag: Wagenbach

ISBN: 978-3-8031-3319-9

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