[Rezension] Juni 53 – Frank Goldammer

17. Juni 2020 0 Von Markus

Inhalt:

Der fünfte Fall für Max Heller

Sommer 1953. Der Alltag in der jungen DDR ist beschwerlich, die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und die Zahl derer, die das Land verlassen, steigt unaufhörlich. Mit harter Hand setzt die SED-Regierung ihre Forderungen durch. Auch Max und Karin Heller erwägen die Flucht in den Westen. Als es am 17. Juni zu großräumigen Protestbewegungen kommt, wird Heller zu einem Dresdner Isolierungsbetrieb gerufen: Der Leiter wurde brutal mit Glaswolle erstickt. Ein Opfer der Aufständischen? Heller hat einen ganz anderen Verdacht und sucht in den Wirren des Volksaufstands einen unberechenbaren Mörder. Währenddessen drängt Karin zu Hause auf eine Entscheidung: gehen oder bleiben?

Rezension:

Nun ist ja Frank Goldammer als Autor bei mir schon eine feste Größe, den ich immer wieder gerne lese. So auch jetzt bei Max Hellers fünftem Fall. Diesmal habe ich mich auf die Spuren des 17. Juni begeben. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag als Feiertag erinnern, bis er wegen des 3. Oktobers gestrichen wurde. Allerdings wusste ich irgendwie nie, warum es ein Feiertag war. Nun ist genau dieser Tag wesentlich präsenter – und dies durch einen Krimi.

Irgendwie verstehe ich nun diesen Feiertag besser, da Frank Goldammer mir die Deutsch-Deutsche Geschichte mit diesem Roman nähergebracht hat. Aber ich beginne einfach mal von vorne. Heller wird mit seinem Team zu einem VEB für Rohrisolierungen gerufen. Der Leiter des VEBs wurde tot in einem Behälter voller Glaswolle gefunden. Spontan fing es bei mir gleich überall an zu jucken. Ich mag nun mal keine Glas- oder Steinwolle. Idas Zeug setzt sich immer wieder in der Kleidung fest und erzeugt einen heftigen Juckreiz. Wenn ich mir vorstelle, dort umzukommen, und die Glaswolle befindet sich dann in meiner Luftröhre, Ohren oder Nase. So sterben? Nein Danke!

Der Stellvertreter Hellers ist Reimann, ein Mann, der nicht vom Glück geküsst wurde, mit einem krummen Rücken, schlechten Augen und mehr noch. Er war nie der Frauenmagnet und wurde auch von der Wehrmacht als untauglich ausgemustert. Dazu das mangelnde Selbstvertrauen und ehrlich, der Mann hat mir einfach nur leidgetan.

Hellers Gegenspieler sind sein eigener Sohn Klaus, und der Hauptmann Bech, die beide beim MfS arbeiten. Eigentlich kann man Klaus nicht als Gegenspieler sehen, allerdings ist er für mich ein Arsch in der Art, wie er mit seinen eigenen Eltern umgeht. Hauptmann Bech, sorry, aber solche Menschen, die einer Ideologie hinterherrennen und die nichts hinterfragen, sind für mich sehr gefährliche Menschen, egal ob es der Glauben, linke oder rechte politische Richtung ist. Wenn Menschen nur stumpf einer extremen Richtung folgen ohne kritisch zu denken, wird es gefährlich. Bech ist so einer, genauso wie Klaus. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Familie mir unwichtiger wäre, als wie in diesem Falle der Sozialismus, dann denke ich, läuft etwas falsch in mir.

Dazu kommen dann noch einige Tote, ein richtiges Verwirrspiel und ein gegeneinander Ausspielen und ganz schnell ist man in einem gut geschriebenen Krimi der 50er Jahre. Man stellt sich irgendwann selbst die Frage, fliehe ich in den Westen oder bleibe ich in Dresden. Und ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich dort geblieben wäre. Es geht nicht um das, was fehlte, sondern dieses laufende Gefühl. bespitzelt zu werden, oder dem Gegenüber nicht trauen zu können.

Ich stellte mich immer wieder selbst in Frage und ganz ehrlich, wenn Bech noch eine Spur krasser wird, mit den Verdächtigungen gegenüber Max Heller, oder ich nicht irgendwo spüre, dass Heller den Rücken gestärkt bekommt, weiß ich nicht, ob ich dem noch lange folgen kann, denn ganz ehrlich, ich bin während diesem Bande sehr oft innerlich in den Westen abgehauen, auch wenn ich den Menschen Heller verstehen kann, warum er so handelt. Aber irgendwann ist einfach die Kraft bei allem Idealismus an Ende.

Ansonsten kann ich jedem, der etwas über die DDR erfahren möchte und wieso und warum manche Dinge passiert sind, diesen Krimi ans Herz legen, denn ich kann mir trotz allem vorstellen, dass es genau so in der DDR in den 50er Jahren war. Geschichte wird hier sehr unterhaltsam integriert. Was ich mir wünsche ist, dass Heller etwas weniger Einzelkämpfer ist, dafür mehr Teamplayer, ansonsten geht auch so ein Mensch wie Heller irgendwann vor die Hunde oder verliert an Glaubwürdigkeit, denn selbst seine Frau Karin kommt langsam an ihre Grenzen. Aber ich bin schon jetzt gespannt auf das nächste Erlebnis mit Max Heller, sie vielleicht auch?

Verlag: dtv Verlag

ISBN: 978-3-423-26232-3

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