Schlaf der Vernunft  – Tanja Kinkel

Schlaf der Vernunft – Tanja Kinkel

13. Januar 2016 0 Von Markus

Inhalt :

Nach 20 Jah­ren Gefäng­nis wird Mar­ti­na Mül­ler zeit­gleich mit der RAF-Auf­lö­sung begna­digt. Das „Mör­der-Mons­ter“, wie die Pres­se bei ihrer Ver­ur­tei­lung schrieb. Ihre Toch­ter Ange­li­ka, die ihre Ent­schlos­sen­heit nie ver­stan­den hat, soll ihrer Mut­ter nach der lan­gen Haft­zeit bei­ste­hen, obwohl jed­we­de Ver­bin­dung abge­bro­chen war. Mar­ti­na, mit 48 noch jung, muss erken­nen, dass nichts erreicht wur­de, jeder Mord umsonst gewe­sen war. Um her­aus­zu­fin­den, ob sich ihre Mut­ter geän­dert hat, Reue in sich ent­deckt, und Teil ihrer Fami­lie wer­den kann, muss Ange­li­ka Mar­ti­nas Spu­ren fol­gen. Von der Sym­pa­thi­san­tin, über die Ille­ga­li­tät und dem Gän­gel­band der Sta­si, bis hin zum gro­ßen Atten­tat. Aber nicht nur sie. Durch die Begna­di­gun­gen gibt es zwar Ex-Ter­ro­ris­ten, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid ver­jährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wis­sen will, wer damals geschos­sen hat. Ehe­frau­en, Müt­ter und der ein­zig über­le­ben­de Leib­wäch­ter: Alle haben auch nach Jahr­zehn­ten offe­ne Fra­gen.

Rezen­si­on :

Dies­mal hat es Frau Kin­kel geschafft, sie hat mich total in Ihren Bann gezo­gen! Aber erst­mal lang­sam, wobei lang­sam bei die­sem Buch wohl irgend­wie falsch ist.

Frau Kin­kel hat es geschafft ein düs­te­res Kapi­tel über den Ter­ro­ris­mus in Deutsch­land mit Leben zu befül­len.  In dem Sie einen Fall kon­stru­iert hat, wo ein Staats­se­kre­tär von der RAF umge­bracht wur­de anstatt ihn zu ent­füh­ren.

Sie zeich­net in die­sem Buch ein­dring­lich die Pro­ble­me, wel­che die Fami­lie einer Ter­ro­ris­tin, wel­che 20 Jah­re im Gefäng­nis war hat, wenn die­se ent­las­sen wird. Sie beschreibt wel­che Emp­fin­dun­gen die Toch­ter von Mar­ti­na Mül­ler hat, wel­che Ängs­te sie bei der ers­ten Begeg­nung mit Ihrer Mut­ter in Frei­heit hat.

Aber auch wel­che Ängs­te gera­de die Mut­ter hat, wel­che erkennt, dass sie eigent­lich nichts bewirkt hat mit den Atten­ta­ten auf Men­schen; dass die Gewalt doch eigent­lich nichts gebracht hat – außer dass sie über 20 Jah­re von ihrer Toch­ter getrennt war.

Frau Kin­kel zeigt aber auch auf, wel­che Gedan­ken­gän­ge die Fami­li­en der Opfer haben, als sie erfah­ren, dass das „Mör­der-Mons­ter“ wie­der ent­las­sen wur­de. Da ist der Jour­na­list, des­sen Vater erschos­sen wur­de und des­sen Mut­ter sich heim­lich dem Alko­hol hin­gibt und hofft, dass man es nicht merkt.

Auch schil­dert sie, wie sich der ein­zi­ge über­le­ben­de Leib­wäch­ter fühlt, wel­che Gewis­sens­bis­se die­ser tag­täg­lich durch­ste­hen muss, zumal er immer wie­der denkt, dass er evtl. den Über­fall auf den Staats­se­kre­tär Wer­ter ermög­licht hat, weil er teil­wei­se kei­ne Erin­ne­run­gen mehr hat, was vor dem Über­fall pas­siert ist. Und er die Mög­lich­keit immer wie­der vor Augen hat, dass er damals viel­leicht wegen sei­ner sexu­el­len Nei­gung erpress­bar war, da es damals noch ver­bo­ten war sich als Schwu­ler zu zei­gen oder sexu­el­le Hand­lun­gen zu zei­gen (§175 StGB).

Sie zeigt auch die Ver­stri­ckung der DDR in die­ses dunk­le Kapi­tel der deut­schen Geschich­te auf, die wahr­schein­lich auch ein gro­ßes Wort dabei mit­zu­re­den hat­te. Aber Frau Kin­kel zeigt auch auf wie fal­sche Infor­ma­tio­nen immer wie­der auch der RAF in die Kar­ten gespielt haben.

Mein Fazit für die­ses Buch lau­tet: Man ist das gut! Obwohl ich mir wirk­lich sehr schwer tue. Ich habe mich in den letz­ten Wochen immer wie­der mit der Roten Armee Frak­ti­on aus­ein­an­der gesetzt – ich den­ke, sogar das ers­te Mal in mei­nem Leben, da die­ses The­ma im Unter­richt doch nie behan­delt wur­de und ich wohl auch noch immer nicht behan­delt wird. Ich den­ke oft, dass es Tot­ge­schwie­gen wird, aber nicht Tot­ge­schwie­gen wer­den soll­te. Es ist wich­tig, dass wir uns auch mit die­ser The­ma­tik ein­fach ein­mal befas­sen.

Ich den­ke das unse­re Deut­sche Geschich­te nicht nur aus der NS – Zeit oder dem Mau­er­fall besteht son­dern noch vie­le ande­re klei­ne­re oder grö­ße­re  „Zwi­schen­fäl­le“ hat­te, die unser Land geprägt haben und uns zu dem gemacht haben, was wir heu­te sind. Viel­leicht ist so ein Roman, wel­chen Tan­ja Kin­kel geschrie­ben hat, auch wich­tig um sich mit die­sem The­ma unse­rer Geschich­te ein­mal aus­ein­an­der zu set­zen. Für mich war es ein Buch, wel­ches mich neu­gie­rig auf unse­re Geschich­te der 70er Jah­re gemacht hat. Und mich hat es beängs­tigt, dass ich so wenig bis fast gar nichts über die­se Zeit weiß, obwohl ich ja da schon gebo­ren war. Dies alles macht Schlaf der Ver­nunft zu einem der für mich per­sön­lich wich­tigs­ten Bücher der letz­ten Mona­te.

Ver­lag: Droemer

ISBN: 978–3-426–19967-1


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