Wem gehört der Islam? – Abdul Adhim Kamouss

Inhalt:

Plädoyer eines Imams gegen das Schwarz-Weiß-Denken

Vom als radikal abgestempelten Prediger zum Aufklärer

Kamouss ist einer der bekanntesten Imame Deutschlands und galt einmal als »Popstar der salafistischen Szene«. Er hat seine Sicht auf den Islam grundlegend verändert. Hier legt er ein kritisches Selbstbekenntnis vor, erläutert sein heutiges Verständnis des Islam und stellt Überlegungen an, wie man Radikalisierung nachhaltig bekämpfen kann. Diese Innensicht ist für die erfolgreiche Prävention und für ein friedliches Zusammenleben in der Zukunft dringend erforderlich.

Rezension:

Ja, wo fang ich an, wo höre ich auf? Am besten vorne. Das erste Kapitel platzt vor Inhalt als er von seiner Jugend in Marokko erzählt und die verschiedenen Strömungen in der Salafiayya Bewegung anreißt. Das muss ungefähr so sein, wie wenn ich mich mal wieder über die verschiedenen Pfadfinderbünde oder über Verlage auslasse. Für jemanden, dem das alles neu ist, wirkt es erschlagend und unübersichtlich.

Ganz ehrlich, da wollte ich schon fast aus dem Buch aussteigen. Aber diese Einleitung ist für das weitere Verständnis wichtig. Es ist ungefähr genauso, wie wenn man die verschiedenen Strömungen in der evangelischen oder katholischen Kirche auflistet und mit ihren Verbindungen erläutert. Es kann auf Dauer sehr anstrengend sein, aber es ist wichtig, um ein Verständnis zu entwickeln – in diesem Fall für den Islam.

Das zweite Kapitel wird dann doch wesentlich interessanter. Es ist der Start des Autors in Deutschland. Er beschreibt diesen latenten Rassismus, welchem er immer wieder ausgesetzt war und wohl noch immer ist. Besonders erschreckend war das mit dem Busfahren, dass er immer wieder alleine saß, Menschen lieber standen als sich neben ihn zu setzen. Aber dies kennt man auch von sich selbst, wenn einem jemand sympathisch ist, setze ich mich lieber daneben, als wenn er (oder sie) unsympathisch wirkt und selbst bei längerem Überlegen konnte ich da keine ethnischen Besonderheiten feststellen, höchstens welches Geschlecht sie haben. Aber ich fand es wirklich erschreckend, wie dies doch auf andere wirken kann.

Scheinbar haben ihm der spätere Umzug und das Studium in Berlin mehr als gutgetan und auch Deutschland scheint sich da von einer anderen Seite gezeigt zu haben. Es zeigt aber auch klar, wie nah man auch an der Radikalisierung vorbeischrammen kann. Man erlebt, wie er sich langsam gewandelt hat – um es mit einem christlichen Bild zu benennen – er wurde vom Saulus zum Paulus. Einem Vergleich aus dem Islam kann ich leider nicht bieten, da ich mich dort nicht so gut auskenne und ich hoffe, der Autor wird mir dies verzeihen.

Interessant sind immer wieder die Exkurse. Einen möchte ich da vor allem nennen. Da geht es um Deso Dogg, den Rapper um Kämpfer des IS, wo dem Autor nachgesagt wurde, dass er ihn radikalisiert habe, wobei Abdul Adhim Kamouss zu dem Zeitpunkt schon eher versucht hat vermittelnd tätig zu sein und eher ein gemäßigter Imam war.

Er plädiert immer wieder für die Prävention vor der Radikalisierung und für ein Miteinander und ich meine nicht nur das Miteinander von Islam und Christentum, sondern auch mit dem Judentum. Er zeigt Gemeinsamkeiten auf und nicht Dinge, die uns voneinander trennen. Er stellt auch klar, dass der Koran nichts gegen andere Religionen hat und er erklärt auch es steht. Er beschreibt, dass viele Menschen ähnlich denken.

Ich könnte nun noch einiges aufzählen, was in dem Buch steht. Es zeigt unter anderem, dass er auch gelegentlich mal daneben lag. Es war ein schwerer Weg, den er eingeschlagen hat, auch mit dem Projekt Islam in Deutschland hat er sich etwas vorgenommen, was nicht gerade sehr einfach ist. Es beinhaltet einiges und ich denke, dass er da noch vieles vorhat. Als Pfadfinder hat mich natürlich gefreut, dass auch die in seinem Projekt dabei sind. Wobei das wichtigste für mich immer wieder ist, dass man miteinander mit Respekt umgehen sollte, und da ist es egal, ob man Moslem ist, Christ, Jude oder Atheist – solange man respektvoll miteinander umgeht

Mein Fazit zu dem Buch ist, dass es ein wichtiges Buch zum Verständnis gegenüber anderen Religionen, im Besonderen dem Islam, ist. Mein alter Pfarrer und Dekan hat immer gesagt, man solle seinen eigenen Glauben hinterfragen und auch andere Glaubensrichtungen kennenlernen und daran halte ich mich. Deswegen habe ich mich auch für dieses Buch so interessiert. Ich bin froh, dass ich dieses Buch gelesen habe und ich kann viele seiner Forderungen zu Veränderungen am Islam vollkommen verstehen. Am wichtigsten finde ich, dass er fordert, dass es mehr deutschsprachige Angebote in den Moscheen geben soll. Noch etwas, was mir in dem Buch auch immer klarer wurde, ist das es kein Schwarz / Weiß gibt, sondern dass es wie überall viele Schattierungen gibt.

Die Sprache des Buches ist teilweise schwierig. Es ist kein Sachbuch, das man so nebenbei lesen kann. Viele Absätze musste ich auch noch ein zweites Mal lesen, damit ich sie richtig erfassen konnte. Es ist für die, die sich mal einen etwas anderen Standpunkt eines Imams anlesen möchten und den Islam etwas besser kennenlernen möchte.

Verlag: dtv – Verlag

ISBN: 978-3-423-26212-5

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.