Wiener Straße – Sven Regner

Wiener Straße – Sven Regner

6. Dezember 2017 0 Von Markus

Wiener Straße – Sven Regner

Inhalt:

Ein gro­ßer Roman voll schrä­ger Vögel in einer schrä­gen Welt. Der­be, lus­tig und bizarr wie sei­ne Prot­ago­nis­ten.

Wie­ner Stra­ße beginnt im Novem­ber 1980 an dem Tag, an dem Frank Leh­mann mit der rebel­li­schen Berufs­nich­te Chris­sie sowie den bei­den Extrem­künst­lern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in eine Woh­nung über dem Café Ein­fall ver­pflanzt wird, um Erwin Käche­les Fami­li­en­pla­nung nicht län­ger im Weg zu ste­hen. Öster­rei­chi­sche Akti­ons­künst­ler, ein Fern­seh­team, ein ehe­ma­li­ger Intim­fri­seur­la­den, eine Ket­ten­sä­ge, ein Kon­takt­be­reichs­be­am­ter, eine Kreuz­ber­ger Kunst­aus­stel­lung, der Kampf um die Ein­kom­mens­op­tio­nen Putz­job und Kuchen­ver­kauf, der Besuch einer Mut­ter und ein Schwan­ger­schafts­si­mu­la­tor set­zen eine Ket­te von Ereig­nis­sen in Gang, die alle ins Ver­der­ben rei­ßen.

Außer einen!

Kreuz­berg, Anfang der 80er Jah­re – das war ein krea­ti­ver Urknall, eine sur­rea­le Welt aus Künst­lern, Haus­be­set­zern, Freaks, Punks und Alles-frisch-Ber­li­nern. Jeder reibt sich an jedem. Jeder kann ein Held sein. Alles kann das nächs­te gro­ße Ding wer­den. Kunst ist das Gebot der Stun­de und Kunst kann alles sein. Ein Schmelz­tie­gel der selbst­er­klär­ten Wider­spens­ti­gen, die es auch ger­ne mal gemüt­lich haben, ein deut­sches Kaka­ni­en in Fein­des­land.

Wer könn­te böser und zugleich lus­ti­ger und lie­be­vol­ler dar­über schrei­ben als Herr-Leh­mann-Erfin­der Sven Rege­ner?

Rezen­si­on:

Es gibt ja Autoren, die wünscht man sich zu lesen und wird dann ent­täuscht. Genau so war es mit Sven Reg­ner, also bis auf das ent­täuscht wer­den, dies wur­de ich nicht. So die ers­ten 20 Sei­ten tat ich mir wie so oft ein wenig schwer. Das pas­siert mir immer, wenn ich mich an einen neu­en Schreib­stil oder ein etwas ande­res Lek­to­rat gewöh­nen muss. Dies hat nie etwas mit der Qua­li­tät zutun, son­dern ein­fach mit dem indi­vi­du­el­len Stil. Hier ist die Spra­che manch­mal etwas schnod­de­rig, aber irgend­wie ist es die genau die Art von Spra­che, wel­che ich in den 80ern auch gewohnt war – bis auf den Ber­li­ner Dia­lekt, der aber nicht über­mä­ßig oft genutzt wird.

Das ers­te Mal muss­te ich lachen, als die Situa­ti­on mit H. R. Ledigt geschil­dert wur­de, der im Bau­markt eine Ket­ten­sä­ge kauft. Es wird so geni­al beschrie­ben, wie H.R. sich mit dem Ver­käu­fer und der Kas­sie­re­rin „anlegt“, dass in mir ein abso­lu­ter Film ablief und ab da war das Eis kom­plett gebro­chen.

Auf ein­mal bin ich in die Haus­be­set­zer­sze­ne in Ber­lin im Novem­ber 1980 ein­ge­taucht – zumin­dest so, wie sie Sven Reg­ner beschreibt. Ich fin­de, dass es teil­wei­se sehr über­spitzt nie­der­ge­schrie­ben wur­de. Beson­ders die Haus­be­set­zer aus Öster­reich, die ArschArt wie sie sich genannt haben, mit ihrem Anfüh­rer P. Immel, der wirk­lich ziem­lich abge­dreht ist und ich glau­be jedem Eski­mo einen Kühl­schrank ver­kau­fen könn­te, blie­ben mir dabei beson­ders im Gedächt­nis.

Auf der ande­ren Sei­te ist aber auch H. R. wohl genau­so eine aus­ge­fal­le­ne Per­sön­lich­keit. Dies führt zu eini­gen lus­ti­gen Situa­tio­nen. Bei allem Lachen muss­te ich immer wie­der anfan­gen, über alles nach­zu­den­ken. Es ist teil­wei­se eine gewis­se Gesell­schafts­kri­tik zu erken­nen, über das Ber­lin der 80er Jah­re und die Künst­ler­sze­ne im Beson­de­ren.

Man fühlt sich kom­plett in die­se Zeit zurück­ver­setzt. Jede der Figu­ren kann einem sehr schnell ans Herz wach­sen. Man riecht teil­wei­se den Smog der Braun­koh­le in bestimm­ten Situa­tio­nen, die Sven Reg­ner beschreibt.

Für mich ist es ein Roman, der einem bestimm­te Situa­tio­nen des geteil­ten Deutsch­lands näher­bringt, und ich kann mir vor­stel­len, dass es sol­che Situa­tio­nen,  wie sie Sven Reg­ner beschrie­ben hat, auch genau­so in Ber­lin gege­ben hat. Für mich sind die Per­so­nen wirk­lich schräg, aber alle, und ich mei­ne wirk­lich alle, kann man ein­fach so ins Herz schlie­ßen.

Gele­gent­lich habe ich mich wie Erwin ziem­lich am Ende des Öfte­ren gefragt „Sag, mir wo du stehst!“. Ich habe mich immer wie­der gefragt, wo ste­he ich eigent­lich und wo stand ich im lau­fe der 80er Jah­re? Anfang der 80er war ich sehr unpo­li­tisch, weil zu jung. Ab Mitte/Ende der 80er wur­de mein poli­ti­sches Den­ken erst geformt. Und ich muss­te lachen, da mir das Lied „Sag, mir wo du stehst!“ auch etwas sag­te und ich es wie Erwin auch am Lager­feu­er gesun­gen habe.

Es ist also ein Roman, der sich in der deut­schen Geschich­te ansie­delt und ich wür­de sagen, damit kann man einem jun­gen Men­schen viel­leicht eher unse­re Geschich­te näher­brin­gen als mit ein­fa­chen Zah­len. Wich­tig wären viel­leicht auch mal Emo­tio­nen und die kann Sven Reg­ner in dem Roman abso­lut erwe­cken.

Ver­lag: Galia­ni – Ber­lin

ISBN: 978–3-462–31749-7


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